Einladung aller Menschen zur friedlichen Beratung
über die Verbesserung der Dinge
1. Wenn wir uns anschicken, einen Acker mit Samen zu besäen oder Früchte zu ernten, wenn wir Steine und Holz für Gebäude zurichten oder eingefallene Gebäude wiederherstellen oder etwas Ähnliches tun, beachten wir zwar gewöhnlich diese Dinge (in dem wir sehen, was mit ihnen geschieht), aber es ist doch nicht nötig, mit ihnen Pläne zu schmieden, weil sie vollständig in unserer Gewalt sind und nicht verstehen, unseren Händen, Sicheln und Beilen zu widerstehen. So ist es aber nicht, wenn wir es mit der vernünftigen Kreatur zu tun haben, die es nicht gestattet, weil sie mit Willensfreiheit begabt ist, dass etwas über sie ohne eigene Mitwirkung beschlossen wird.
2. Da nun dies unser Werk die Menschen betrifft, so werden wir mit ihnen nichts heimlich beschließen. Wir müssen mit allen Gemeinschaft halten, weil es alle angeht. So tun wir dies offen am hellen Tage, dass alle, die dies angeht, selbst es hören, sehen, beurteilen und mit uns am Werk sind. So kommt dies, was zur Verbesserung der Dinge gefordert wird, Einheit, Einfachheit und Freiwilligkeit, schon bei der Beratung selbst notwendig zur Beachtung.
3. Was also hier gesagt wird, wird allen gesagt, so einfach, dass es von allen erkannt werden kann. Jedem, dem Größten und Kleinsten, bleibt ein völlig freies Urteil Wir werden alles aus den Grundvermögen heraus mit allen besprechen. Nämlich, dass uns die gemeinsamen Antriebe aller Menschen gemeinsame, von allen gewünschte Ziele zeigen, dass die gemeinsamen, von Gott allen gewährten Fähigkeiten die gemeinsamen Mittel für die Ziele dartun. Endlich mögen die gemeinsamen Vorstellungen und die jedem Herzen eingeschriebenen Begriffe die Methoden erweisen, die Mittel so anzuwenden, dass man die Ziele erreicht.
4. Von Pythagoras erzählt man folgenden Ausspruch: Wenn jemand einen achjährigen Knaben einsichtsvoll über beliebige Probleme der Philosophie zu fragen weiß, wird er verständig auf alles entsprechend antworten, weil das Licht des Verstandes, wenn wir’s zu gebrauchen wissen, das Maß aller Dinge ist. Wir verfolgen diese Praxis in vorliegendem Werk. Ich vertraue, wenn wir einsichtsvoll die Fragen zu stellen wissen, wird es keinen Leser geben, der zu allen Fragen nicht einen Rat bei sich selbst finden und das prüfen wird, was man nach seiner Ansicht hinzufügt. Denn wir werden vorausgehen und nicht nur die Sache vortragen, sondern auch die Heilmittel angeben und endlich die Erklärung abgeben, was unter vielen (wo es viele gibt) das beste zu sein scheint.
5. Es wird also nicht eintreten, dass jemand sich scheut, zu dieser Beratung hinzuzukommen, wo niemand im voraus urteilen wird; jeder wird selbst in allem und den Einzelheiten Angeklagter, Richter und Zeuge sein. Wir erhoffen auf diesem Wege einen Fortschritt, wo niemand in einen ihn unbekannten Wald der Autoren hingezerrt, sondern durch das offene Feld der Dinge so geführt wird, dass er mit eigenen Augen, nicht mit fremden Brillen, alles sehen und erblicken kann. Allein die Dinge können uns zur Übereinstimmung zurückführen, weil sie das sind, was sie sind; niemals werden sie dazu gelangen, die sich untereinander über die Dinge streiten.
6. Mit Gottes Hilfe wird sich dann endlich zeigen, dass diese drei uns allen angeborenen Vermögen des Erkennens, des Wollens und des Tuns (die allgemeinen Begriffe, Antriebe und Fähigkeiten) die unverletzlichen Pandekten der in uns liegenden Weisheit Gottes sind. Was in ihnen nicht enthalten ist, muss unecht sein. Sie sind die uns als den Ebenbildern Gottes eingemeißelten ewigen Gesetze, je weiter sich einer von ihnen entfernt, um so tiefer gerät er in Irrtum, Verbrechen und Elend. Sie sind die goldenen Sockel und ehernen Fundamente, auf denen sich das ganze Gebäude menschlicher Weisheit, Tugend und Tatkraft erhebt. Sie sind die unverrückbaren Schranken, mit denen Gott die Wege all unserer Gedanken, Wünsche und Taten eingefriedigt hat; wer sie überschreitet, stürzt ganz bestimmt in die Gefahren des Irrtums, der Sünde und des Unterganges. Sie sind die Pole und Achsen, um die sich all unser Denken, Begehren und Tun, ob früher oder jetzt, dreht; was von ihnen abirrt, ist exzentrisch, anormal, unbestimmt und irrig. Sie sind endlich unsere Sonnen und Sterne, die in uns leuchten, uns begleiten, wohin wir uns wenden, uns vor Irrtum, Fehlern und Gefahren mahnen; was ohne sie existiert, ist finster. Also diese unsere Beratung, so auf die allgemeine Vermögen gestützt, wird ein allgemeinerer, großer, sicherer und lieblicher Weg sein, jedenfalls der einzige, geeignete Weg, uns dorthin zuführen, wo wir zur Erkenntnis unserer selbst und zur Erhabenheit gelangen.
7. So kommt denn alle, denen das eigene Wohl und das des Menschengeschlechtes am Herzen liegt, alle aus jedem Volke, jeder Sprache und Sekte, die ihr Gott fürchtet, alle, die ihr die menschlichen Wirren verabscheut, alle, die ihr das Bessere wünscht! Kommt und trennt eure Pläne nicht von dem gemeinsamen Plan für das allgemeine Wohl! Erbarmt euch des Elends unseres Geschlechtes, dass wir, wenn jemand Rat und Hilfe bringen kann, gemeinsam darüber beraten!
8. Kommt, wir haben ein gutes, ja hervorragendes Ziel, die Verbesserung unserer Verderbnis: Gott zur Ehre, dem Satan zur Bestürzung, dem Menschengeschlecht zum Heil! Wir werden auch zu dem hervorragenden Ziel schöne Mittel haben, dazu liebliche Methoden, die Mittel zu gebrauchen, damit man nur auf einen guten Erfolg, wenn Gott unsere Versuche segnet, hoffen kann.
9. Kommt! Wir wollen wagen, den Menschen wieder die Freiheit zu geben, dass man die Wahrheit der Dinge schaut, dass man unser Gutes vom Schmutz befreit und für den gemeinsamen Gebrauch geeignet macht! Wir wollen in gemeinsamer Hilfe das beseitigen, was uns vom Licht des Verstandes ausschließt, was uns von Gott, dem gemeinsamen Schöpfer, trennt, was uns gegenseitig absondert!
12. Wenn man vielleicht nichts Absolutes finden wird, was allen genügt und gefällt, so werden wir doch Gelegenheit haben, etwas Besseres zu suchen als das, worin wir uns trennen. Und jetzt ist die Gelegenheit. Kommt also, wir wollen das Bessere, das Beste suchen! Wir suchen’s für uns, für alle! Wir suchen’s beharrlich, immer, solange wir hier sind. Denn was kann man Besseres tun im Leben als die Wahrheit suchen, die Wahrheit, Frieden und Leben finden?
13. Wir wollen nur das suchen, was allen durchaus wünschenswert erscheint, nur das raten, was alle Menschen selbst erkennen können, wir wollen nur versprechen, die geebneten oder doch bestimmt zu ebnenden Wege zu zeigen. Wenn etwas nicht so sein wird (dass es von gleicher Stufe aus allen wünschenswert, möglich und für die vernünftige Ausführung leicht erscheint), so sei es ungesagt, es möge als nicht guter und ohne Zweifel unnützer Plan zerstört und verdammt werden. Bei dieser Gelegenheit wird Gott jemand erwecken, der das Bessere und Sicherere, was der Gemeinschaft mehr nützt, zeigen kann.
15. Je größer die Sache ist, um so mehr sind wir alle verpflichtet, ihr nachzustreben, um so mehr sind wir entschuldigt, wenn wir vielleicht ohne Erfolg, bleiben. Bei einem großen Wagnis ist ein Fehlgriff besser als Indolenz. Aber wir können gar nicht alles verfehlen. Denn wir werden finden, was wir suchen; ohne Zweifel je mehr und mit größerem Nachdruck wir diese Sache erstreben, und je weniger wir Erfolge finden und daher dieser Weg unwirksam sein wird, um so mehr wird sich uns der schauerliche Abgrund unserer Verderbnis öffnen, dem allein die Allmacht Gottes gewachsen ist, um so mehr entbrennt das Flehen der Menschen zu Gott, dass er seinen Arm ausstrecke, um so mehr werden alle Frommen nach der Ewigkeit lechzen, wo für alle der Tag der Begnadigung sein wird.
16. Ihr, die ihr über so große Dinge urteilen könnt, verweigert nicht, beizustehen, Pläne zu hören und zu bringen! Niemand fühlt sich so als Gast in der Welt, dass sie ihm fremd zu sein scheint. Niemand ist so erhaben, dass er sich nicht dazu bemühen sollte. Niemand ist so niedrig, dass er sich hier nicht erheben dürfte. Jedes Tal wird erhöht, jeder Berg, und Hügel erniedrigt, denn der Herr bereitet den Weg.
17. Vor allem aber erwacht, ihr, denen es vergönnt ist, an der Spitze menschlicher Dinge zu stehen! Ihr Erzieher des Menschengeschlechts, ihr Philosophen! Ihr Führer der Seelen vom Irdischen zum Himmlischen, ihr Theologen! Ihr Beherrscher der Welt, Sachwalter und Wächter des Friedens unter den Völkern, ihr weltlichen Machthaber! Ihr seid alle zugleich Ärzte des Menschengeschlechtes, zum Objekt haben wir die Krankheiten des Verstandes, des Willens und der Fähigkeiten. Siehe, euch bringen wir alle eure Kranken, ein ganzes Krankenhaus der Welt! Kommt also, beratet gemeinschaftlich! Ihr werdet das tun, wozu euch Gott gerufen hat, und der Kranke selbst sucht mit Bitten bei euch Gesundheit! Gebet gut acht zum mindesten, wenn euch vor anderen diese Beratung über das Gemeinwohl zuteil wird, seht, dass sie recht vorwärtsschreite. Ihr werdet Gott Rechenschaft geben, wenn durch eure Schläfrigkeit etwas versehen wird, wodurch sich etwa eine Hinterlist einschleicht oder etwas Wertvolles vereitelt wird oder untergeht.
18. Von euch, ihr Philosophen, deren Pflicht es ist, die Dinge zu erforschen, fordere ich im besonderen, dass ihr schaut, ob die Vorschläge verständig sind, und ob die Erkenntnis der Dinge so besser erschlossen wird als auf gewöhnlichen Wegen. Von euch, ihr Theologen, deren Plicht es ist, das Würdige vom Niedrigen zu scheiden und so der Mund Gottes zu sein (Jer. XV, 19), verlange ich, dass ihr aufmerkt und urteilt, ob man hier auch gehörig vorsichtig das Würdige vom Unwürdigen scheidet, und ob die Menschen so vom nichtigen Irdischen zum wahren Himmlischen geführt werden. Endlich von euch, ihr Politiker, deren Beruf es ist zu sehen, dass der Staat nicht irgendwelchen Schaden nehme, fordere ich, dass ihr sehet, ob man, nachdem alles auf diese Weise gemäß der Gesetze Gottes und der Natur wieder eingerichtet ist, hoffen könne, dass die Staaten vor Schaden und Nachteilen genügend sicher sind.
19. Laßt uns aber jetzt alle an der Schwelle des beschlossenen Werkes gleichsam im Anblick Gottes einen Vertrag schließen! Erstens, dass wir alle nur das eine Ziel haben, das Wohl des Menschengeschlechtes. Wie man die Welt 1. von den Bemühungen der Parteien, in die wir uns bis ins kleinste spalten, 2. von der Vielfältigkeit, durch die wir endlos verwirrt und verstrickt sind, 3. von Zwang und Gewalt, wodurch wir maßlos gequält und bedrängt werden, befreien könne. Alle müssen zum Streben ums gemeine Wohl, zur einfachsten Wahrheit und zur friedlichsten Ruhe aller Dinge zurückgeführt werden.
25. Sechstens fordere ich: Wer diesen Beratungen beiwohnen will, der möchte auch nicht früher als nach Anhörung der Pläne sich entfernen. Wir dringen hier auch mit Recht auf Einheitlichkeit und verschmähen jede Absonderung. Man muss über das ganze Vorhaben urteilen oder es ganz im Stich lassen. Wer aber über das Ganze urteilen will, bevor er das Ganze kennt, macht einen Fehler, denn über eine unbekannte oder wenig bekannte Sache kann man schlecht urteilen.
26. Siebentens: Für dies Werk verlange ich ruhige und von jeder Streitsucht freie Gemüter. Streitet nicht auf dem Weg, sagte Joseph zu seinen Brüdern. Wir wollen uns auch nicht auf dem Weg brüderlicher Beratung zanken und mißtrauisch einander frühere Irrtümer vorwerfen. Laßt uns nur das Bessere betrachten, verjüngt oder Haß, Neid oder Verachtung der anderen und schlechte Berater zur Eintracht beimischen. Warum verachten wir denn einander? Wir sind alle Bürger einer Welt, ja alle ein Blut. Einen Menschen hassen, weil er anderswo geboren ist, weil er eine andere Sprache spricht, weil er anders über die Dinge denkt, weil er mehr oder weniger als du versteht, welche Gedankenlosigkeit! Lassen wir ab davon! Denn wir sind alle Menschen, also alle unvollkommen, uns allen muss geholfen werden, und wir sind dafür allen Schuldner. Zumal die, die Gott vor anderen mit Weisheit, Rat und Stärke ausgestattet hat, möchten Gott nachahmen und allen alles geben. Und weil Gott seine Gaben auf verschiedene Weise austeilt, dass der eine hier, der andere dort bald etwas sieht, bald blind ist, dies in verschiedenem Grade und zu verschiedener Zeit, und weil sich Gott auch verachteterer Organe bedient (damit wo von vornherein weniger Hoffnung vorhanden ist, dort eine Ader göttlicher Weisheit pulsen mag), so wollen wir doch Gott seine Gewohnheit überlassen, nach seinem Willen sich der Organe zu bedienen. Bei der gegenwärtigen Beratung möge er auch je nachdem dem ersten oder letzten aus einem Volke, Stamme oder einer Sekte das einflüstern, was sein guter Rat will. Denn wir sind alle sein, er kennt uns alle, er verfügt über uns alle nach seinem Wohlgefallen. Nicht deshalb, weil wir einander scheel ansehen oder die Augen voneinander abwenden, wird uns die himmlische Sonne ihre Strahlen entziehen oder die einen anders als die anderen behandeln. Noch weniger wird sich der Glanz ewiger Barmherzigkeit mit unseren Gefühlen vermischen, dass er leuchte denen, denen wir wollen, nicht denen, denen wir nicht wollen. Wiederholt bekenne und beteure ich: Dies Werk der Beratung, ist ein allgemeines Werk, wie die Verwirrung eine allgemeine ist, für die wir die Heilmittel suchen, und Gott allen gemein ist, von dessen Erbarmen wir Erleichterung, unseres Elendes erflehen und erwarten.
23. Deshalb fordere, bitte und flehe ich, dass wir, wenn wir nach einer Verbesserung, der Verderbnis suchen, eine wahre und sachgemäße erstreben, keine erdichtete oder gemalte, damit unsere ernsten Bestrebungen nicht in Spiel und Spott ausgehen. Wir nehmen uns vor, eine wahre Erkenntnis, eine wahre Verehrung der Gottheit und einen wahren, festen und dauerhaften Frieden für die menschliche Gesellschaft zu suchen. Ich bitte, wer kann eine falsche Philosophie, eine falsche Religion, eine falsche Politik gebrauchen? Immer werden die getäuscht, in der Hoffnung auf gemeinsame Wahrheit, die bald allen erscheinen wird, laßt uns das bald vergessen, was dahinten ist! Wir wollen nicht streiten wie eine Feuersbrunst entstand, laßt uns lieber an die Arbeit gehen, sie zu löschen! [...]
27. Wenn aber nichtsdestoweniger dennoch ein Scharfblickender findet, warum er verständig von uns hier oder dort sich trennt, so fordern wir achtens, da,er sich freundschaftlich trennt, nicht feindselig, das heißt, er verweigere nicht wegen eines Widerspruches in der einen oder anderen Sache die Zustimmung, zu anderen oder auch zum ganzen harmonischen Werke. Wir erinnern nicht nutzlos daran, die wir die Macht des Widerspruches kennen, der die Übereinstimmung stört. Unseres Körpers Wohlbefinden ist am meisten abhängig vom Gleichmaß, denn die schmerzliche Krankheit eines einzelnen Gliedes stört es und bewirkt, dass es allen Gliedern nicht gut geht. Das Gleiche zeigt sich im Wissen der Dinge, im Regiment über die Menschen und in der Verehrung der Gottheit, dass ein einziger Widerspruch mehr geachtet wird als tausend Übereinstimmungen. In der ganzen Lehre Mohammeds stimmen die Perser mit den Türken überein, in einigen geringfügigen Dingen sind sie anderer Ansicht, und wie schwere Kriege führen sie darum! Unsere Juden erkennen mit den asiatischen Israeliten Moses und die Propheten an, aber wegen der talmudischen Überlieferungen, die von den unsrigen angenommen, von jenen verworfen werden, fluchen sie sich gegenseitig in schauerlicher Weise. Und was tun wir Christen? Wir nehmen alle die ganze Lehre Christi an, aber ach, wie feindselig weichen wir in der Auslegung voneinander ab! Unser Schöpfer hat uns so harmonisch gemacht, dass wir keine Disharmonie ertragen können. Aber nur ein Verzärtelter kann nichts ertragen, ein starker Mann erträgt alles und verbessert, wenn er kann. Gott lehrt uns beides fortwährend in Beispielen.
Aus: Comenius, Johann Amos: Ausgewählte Schriften zur Reform
in Wissenschaft, Religion und Politik. Übersetzt und bearbeitet von Herbert
Schönebaum, Leipzig: Alfred Kröner Verlag 1924, S. 130-141.
Auch in:: Comenius-Jahrbuch 8/200, Baltmannsweiler 2001, S. 11-18.