Man muss das ganze Menschengeschlecht durch das Ganze von Grund aus vervollkommnen. Was heißt das, 1? und wozu dient das, 2‑6? Die Möglichkeiten einer gründlichen Instandsetzung, 7‑11, und die Leichtigkeit des Verfahrens, 12‑ 18. Überleitung zu den folgenden Kapiteln, 19‑22.
1. Jetzt werde ich, wie angekündigt, nachweisen, dass bei einer derartigen Veredelung des Menschengeschlechts nicht nur alle Menschen durch das Ganze zur Vollkommenheit geführt werden, sondern dass jeder einzelne auch von Grund aus vollkommen gemacht wird. Was heißt es aber: gründlich instand gesetzt zu werden? Das meint nicht ein Aufgeputztwerden zu äußerem Glanze, sondern die Hinführung zur Wahrheit; denn das allein bringt einen sicheren Nutzen für dieses und das zukünftige Leben. Jeder soll zugerüstet werden zu Weisheit, Beredsamkeit und Kunstfertigkeit (artes), anständiger Sittsamkeit (civilitas morum) und Frömmigkeit; er soll ein Wissender werden, nicht aber ein Halbwisser; ein fähiger Werker, nicht aber ein prahlerischer Stümper; er soll die Ehrenhaftigkeit selber werden, nicht aber deren bloße Hülle, und endlich ein frommer und heiliger Verehrer Gottes im Geist und in der Wahrheit, nicht aber ein Heuchler.
2. Wenn wir mit unserem Plan der Pampaedia [der Unterweisung im wahren Wissen vom Ganzen] nicht auf dieses Ziel lossteuern, vergeuden wir nur unnütz Zeit, betrügen Gott und uns selbst und tragen in keiner Weise zur Verbesserung der Verhältnisse bei, weder der öffentlichen noch der privaten. Es wäre aber besser, ein solches Unternehmen ganz aufzugeben als sich ohne Erfolg darum zu mühen. Was hat denn die Welt durch eine oberflächliche Kenntnis der Sachen gewonnen? Durch das Gaukelwerk der Ansichten wurde sie verblendet und durch das Gift der verschiedensten Irrtümer verdorben. Was hat sie durch die geschwätzige, wenn auch noch so scharfsinnige Redseligkeit gewonnen? Sie wurde mit unendlich vielen, nur leerem Vergnügen dienenden Nichtigkeiten angefüllt, alle wurden untereinander in endlosen Zank und Streit verwickelt. Was hat sie durch so viele ausgeklügelte Erfindungen und Werke gewonnen, die größtenteils nur eitler Prahlerei und nicht dem wahren Nutzen, dem Ruhme Gottes und dem Heil des Menschen, dienten? Die Welt wurde zu einer Schaubühne der Eitelkeit, und sie erfreute sich an ihrem trügerischen Glanz. Was hat sie schließlich durch jene vorgetäuschte Schicklichkeit und die macchiavellische Gewandtheit in der Beherrschung der Menschen erreicht? Nichts anderes als dies, dass alles auf der Welt eine Maske trägt, dass keiner dem anderen traut. [...]
3. Will man diese Bühne der Welt ändern, so muss zunächst alles Lernen der Menschen von Grund aus umgestaltet werden, und zwar durch die in der Pansophia aufgezeigten Methoden. Alles, worin die Menschen belehrt werden und was sie lernen, sei
I. kein brockenhaftes Teilwissen, sondern es sei unverkürzt und ganzheitlich (totalis);
II. es sei nicht oberflächlich und nur äußerlich, sondern festgegründet (solidus) und sachhaltig (realis);
III. es sei nicht beschwerlich und erzwungen, sondern lieblich, angenehm und dadurch dauerhaft.
Ich werde nun in der bisherigen Weise zunächst die Notwendigkeit und die Möglichkeit dieser dreifachen Absicht darlegen und schließlich zeigen, wie leicht dieser Plan durchzuführen ist, wenn man nur mit voller Vernunft an die Sache herangehen wollte!
4. Vernunft und Erfahrung zeigen offensichtlich, dass sich das menschliche Vermögen als Ganzes nicht im Gleichklang halten kann, sondern dass es vielmehr in schädlicher Weise aus dem Gleichgewicht gerät — zum Schaden seiner selbst, der Sachenwelt und der anderen Menschen —, wenn es sich nur an einzelne Dinge verschwendet und sich nicht der ganzen Schaustellung der Sachenwelt zuwendet. Daraus geht hervor, dass das Ganze unverkürzt zur Kenntnis genommen werden muss und man nicht brockenweise und teilhaft dies oder jenes aufgreifen darf. Man muss versuchen, alle Bedürfnisse des Menschen zugleich zu befriedigen, dass sie sich gegenseitig abstimmen, sich wechselseitig ergänzen und verknüpfen. Andernfalls würden sich manche Leute nur mit den Gegenständen der Erkenntnis, andere mit denen des Wollens und wieder andere mit denen des Handelns beschäftigen; alles andere aber würden sie für unwichtig und verachtenswert halten. Und wenn sie sich zu sehr mit brockenweisem Wissen überladen und vollstopfen, entsteht auf der einen Seite ein Überfluß an unnützen Dingen und auf der anderen ein Mangel an notwendigen. [...]. Auf diese Weise wird jedenfalls keiner von ihnen die Erfüllung seines Strebens erlangen. Denn alle, die der Macht und der Herrschaft nachjagen, werden nicht gesättigt, selbst wenn sie die ganze Welt gewönnen. Das hat ja das Beispiel Alexanders [des Großen] deutlich genug gezeigt. Wer sich den Begierden hingibt, wird um so gieriger nach Wasser lechzen, je mehr er getrunken hat, denn sein Gaumen ist durch den Genuß abgestumpft. Wer sich dem bloßen Wissenserwerb widmet, findet hierin kein Ende, selbst wenn er die Weisheit Salomos erlangte; denn je mehr ein Gelehrter weiß, um so mehr weiß er auch, was ihm noch fehlt. Bloße Vermehrung von Wissen bedeutet also letzten Endes nur eine Vermehrung von Kummer. Wer andere Güter anhäuft, der versammelt zugleich auch Hass, Neid und Elend auf sich. Aber dennoch hören die Sterblichen mit ihrem Beginnen nicht auf. Denn sie können ihre Natur nicht bezähmen und von ihrem Verlangen, das sie immer nach Macht und Besitz trachten lässt, nicht lassen. Gegen diese Mißstände lässt sich nur dieses eine allgemeine Heilmittel finden, dass man von allem Stückwerk lässt, dass wir alle zu unserem ungeteilten, einfachen und gemeinsamen Erbe zurückkehren, wie es uns im Paradiese verheißen war: Hören wir auf, untereinander Wissen, Macht und Ehre zu verteilen, sie einander bald zuzusprechen, bald wieder zu entreißen und uns darüber zu entzweien. Jeder sollte lieber danach trachten, das All und Eine (omnia) zu Wissen, zu Wollen und zu Können, das Gott uns ja zu wissen, zu wollen und zu können vergönnt hat, als nur einen Teil davon. So wird dann schließlich das Glück eines jeden von uns voll sein und nicht nur stückhaft, wenn es nicht verstümmelt, sondern unversehrt und heil ist.
5. Wir müssen auch verlangen, dass alle Menschen gründlich und nicht nur oberflächlich instand gesetzt werden, der Wahrheit [der Sachenwelt] gemäß, nicht einem leeren Wahne oder dem bloßen Schein zufolge; denn der bloße Schein ohne [das Licht der] Sache ist eine Täuschung. Und wozu führt diese? [...] Jeder vergleicht sich mit dem anderen und verachtet ihn, jeder wetteifert mit dem anderen in seiner vermeintlichen Weisheit, in seiner heuchlerischen Frömmigkeit und angeblichen Vortrefflichkeit. Gegen dieses Übel gibt es kein wirksameres Mittel, als dass alle dazu eingeladen und an der Hand dahin geführt werden, das, was wirklich ihrem Heile dient (vera et solida bona), zu erkennen, so wie es ist (vere), es zu schmecken, zu suchen, zu finden und es endlich zu besitzen. Denn erst dann wird es möglich sein, alles und jedes (omnia) zu festigen und zu befrieden.
6. Die Menschen sollen in ruhiger und freundlicher Weise gefördert werden, und zwar so lange, bis der Erfolg dieser Instandsetzung vollkommen erreicht ist, dass sie sich fortan freiwillig und von selbst als gewandte Menschen erweisen und in dem verharren, was zu ihrem Heile ist (bonum). Hierfür lassen sich drei Gründe anführen. Erstens: wie einst gewisse Philosophen eine nur äußerlich und zum Schein geübte Philosophie zur Rechtfertigung der Sittenlosigkeit mißbrauchten — sie wurden deshalb Kyniker genannt, d. h. Hündische und Unreine —, so mag es heutigentags vorkommen, dass gewisse Leute unter dem Vorwande von Frömmigkeit den übrigen Schmuck eines wohlgeordneten (rationalis) Lebens vernachlässigen. Das darf aber nicht zugelassen werden; denn es gehört sich nicht, das vollkommenste aller Geschöpfe in der Unreinheit des Geistes, der Rede und der Geschäftigkeit steckenzulassen. Denn auch die Edelsteine glänzen nur, wenn sie geschliffen sind. Der zweite Grund dieser Forderung nach freundlicher Führung ist der, dass bei einem so erhabenen Vorhaben, sich selbst und das Seinige gründlich (vere) zu verbessern, nicht durch Schroffheit und nötigenden Zwang Unlust erweckt werde. Man sollte eher soweit wie möglich durch ruhige und freundliche Führung freiwillige Bereitschaft erwirken und glühenden Eifer erwecken, dass diese schöne Vollkommenheit (politura), einmal begonnen, nicht wieder verloren werde und die Menschen nicht wieder in ihre gewohnte Faulheit, Untätigkeit und Barbarei zurückfallen. Denn was nützt es schon, mit der Anlage eines Lustgartens zu beginnen, wenn du ihn gleich wieder brach liegen lässt, und wenn du es zulässt, dass die [kaum beschnittenen] Bäume wieder verwildern? Was nützt es schon, das Messer zu polieren und zu schleifen, wenn du es beiseite legst und es von neuem rosten lässt? Daher kommt es sicherlich, dass fast die ganze Menschheit im Elend liegt, dass sie sich selbst durch ihre törichten, nicht von wirklichem Wissen aufgegebenen Bemühungen zugrunderichtet. Was nützt es schon, dass die Liebe zur Wahrheit, zum Guten und zu allem Erreichbaren allen von Natur eingepflanzt ist, wenn die wahrhaft sachgemäße, eifrige und anhaltende Pflege der Menschen ausbleibt? Durch die überall übliche Stückhaftigkeit und Oberflächlichkeit, durch die nur zeitweiligen Bemühungen wird nichts erreicht; alles fällt wieder in sein Chaos zurück. Sieh dir die Schulen an! Man disputiert unaufhörlich, aber doch überzeugt keiner die anderen endgültig: Sich selber macht der Redner nicht frei von dem Lärm der Redeschlacht und die anderen nicht vom Zweifel. Sieh dir die Gottesdienste an! So mancher besucht sein Leben lang die Schule Gottes, die Kirche, und doch begreift er nie die Grundlagen der Religion. Sieh dir die Staatswesen an! Sechstausend Jahre lang hat man über die beste Form des weltlichen Regiments nachgedacht, man stritt sich, ja man führte Kriege um diese Frage bis zum Untergang vieler Reiche und schier bis zur Vernichtung der ganzen Menschheit. Haben wir nun durch soviel Blutvergießen gefunden, was wir suchten? Sehen wir denn noch immer nicht ein, dass wir die volkommene Erfüllung unserer Bedürfnisse anders wünschen, dass wir sie anders anpacken und durchführen müssen?
7. Man wird sagen: Vergeblich sehnen wir uns nach dem Unmöglichen; vergeblich ist es, sich auch nur daran zu versuchen; alles wird wieder in sein Chaos zurückkehren wie vordem. Ich antworte folgendermaßen: Welchen Sinn haben die vielen Klagen Gottes über die Menschen, die vielen Strafen und die dennoch niemals endenden Ermunterungen? Welchen Sinn haben denn die fortgesetzten Antriebe in unserem Inneren selbst, welchen Sinn hat die Sehnsucht nach dem Besseren? Erreichen etwa GOTT und die Natur niemals ihre Absichten? Wir werden bald neue Hoffnung schöpfen. Zwar streiten wir nicht ab, dass mancherlei Schwierigkeiten der Erfüllung so hoher Wünsche im Wege stehen, aber keiner kann uns entgegenhalten, dass sie nicht zu verwirklichen sind.
8. Wir räumen ein, dass eine so vollkommene Instandsetzung des Menschen auch ihre Schwierigkeiten hat, und nennen dafür vier Gründe. Erstens: Der Mensch ist ein höchst künstlich zugerüstetes Geschöpf. Zu seiner Erhaltung benötigt er soviel sorgliche Pflege wie alle anderen Geschöpfe zusammen. Das lässt sich leicht an Werkzeugen und Instrumenten verdeutlichen. Je feiner und künstlicher sie eingerichtet sind, desto mehr sind sie auch Beschädigungen ausgesetzt, und desto schwerer lässt sich ein Schaden reparieren. Ein geeignetes Beispiel hierfür sind die Uhren. [...] Je mehr Bestandteile also irgendwo vorhanden sind, von denen jedes einzelne seine Wartung erfordert, desto leichter kann in der Bedienung des Ganzen etwas verfehlt werden. Solch ein Geschöpf ist der Mensch. In seiner Natur verbindet er das Wesen der Elemente, der unbelebten Natur, der Pflanzen, der Tiere und der Engel. Auch diese einzelnen Bestandteile des Menschen bestehen wieder aus vielen Teilen, die sich selbst wiederum aus noch kleineren Teilchen zusammensetzen. Jedes von ihnen hat die Eigenart, von allen Seiten dem Verderben Einlaß zu gewähren und dieses wieder auf die benachbarten Teile zu übertragen.
9. Zweitens: Die Verfassung der menschlichen Natur lässt ihrer überragenden Sonderstellung wegen nur ungern eine Lenkung zu. Denn der Mensch ist nicht dem Stein, einem Stück Holz oder einem stummen Tiere vergleichbar, das durch seinen Bewegungsantrieb auf eine einzige Sache verwiesen wird, oder das sich — sind es schon mehrere — nur an diese bestimmten Dinge in ganz bestimmter Weise bindet. Der Mensch ist dagegen dem unendlichen Seienden ähnlich. Er ist ein Geschöpf, ausgestattet mit dem Vermögen, sich unendlich vielen Dingen zuzuwenden und sich je nach Gelegenheit in unendlich mannigfaltiger Weise zu wandeln. Daher ist nichts unbeständiger als der Mensch, nichts lässt sich weniger in feste Grenzen einschließen als er.
10. Der unglückselige Sündenfall unserer Stammeltern hat [drittens] diese Verworrenheit noch vervielfacht. Wir sind alle wie von einem Schwindel ergriffen; selbst im Lichte sehen wir nicht; gegen die Stimmen derer, die uns zum Besseren mahnen, verschließen wir die Ohren; sogar bei den Gegenständen unseres Tastsinnes täuschen wir uns, auf ebener Straße straucheln und fallen wir; das Böse halten wir für gut und das Gute für böse; das Licht halten wir für Finsternis und die Finsternis für Licht, und so beschreiten wir die Straße des Todes, statt dass wir wandeln auf den Pfaden des Lebens. Wir sind immer geneigt, eher uns selbst zu gehorchen als Gottt und denen, die an Gottes Statt stehen, eher den Sinnen zu trauen als dem Verstande, und wiederum eher jener Sinnlichkeit zu folgen, die von den Reizungen der Dinge betört und gefangen ist, als dem freien, ungebundenen Sinnesvermögen. Dieses Verhalten ist allen Nachkommen Adams angeboren; diese Widernatürlichkeit (monstrositas) wird von einem auf den anderen verpflanzt. Zwar ist die göttliche Weisheit selbst Mensch geworden, um uns wieder in die wahre Ordnung zurückzuführen, zwar hat sie uns ein Beispiel gegeben, wie dem eigenen Willen zu entsagen und dem Willen Gottes zu gehorchen sei; aber die Menschen, schon die Kleinsten, die Neugeborenen, lassen sich nur schwer dazu bewegen, ein Ähnliches zu tun. [...].
11. Jedoch noch ein [viertes] schweres Hindernis tritt der wirklichen Rechtfertigung (formare ad recta) des Menschen entgegen. Es sind die verdorbenen Sitten und die üblen Reden, die als schlechte Beispiele gerade auch auf die Jugend wirken und sie auf den falschen Weg bringen. Das hat selbst Cicero beobachtet und mit eindringlichen Worten geschildert. Wir müssen seine Lehre allerdings im christlichen Sinne deuten, denn da er von der Verderbtheit der Menschennatur als Folge jener ersten menschlichen Verfehlung nichts wusste, ist sie zu nichts nutze. Cicero also sagte: Unserem Gemüte sind die Samen der Tugend eingeboren. Wenn man ihnen nur erlaubte heranzuwachsen, die Natur selbst würde uns zu einem glückseligen Leben führen. Sobald wir aber in das Leben eingetreten und dort aufgenommen sind, leben wir fortgesetzt in verworfenen Verhältnissen inmitten von schlechten Gewohnheiten, und es sieht so aus, als hätten wir schon mit der Ammenmilch die Verfehlung eingesaugt. Wenn wir dann gar den Eltern übergeben und den Lehrern anvertraut sind, kommen wir mit so mannigfaltigen Vergehen in Berührung, dass die Wahrheit der Nichtigkeit und die Natur selbst der Tagesmeinung weicht. Wenn dann die Menge auftritt, gleichsam als der einflußreichste Lehrer, und die gemeine Masse, die jedem Laster allerorten zujubelt, dann werden wir von der Verworfenheit ihrer Lebensführung vollends angesteckt und fallen ab von unserer Natur. Schau dich nur um! Die Verworfenen und die Sünder stehen um uns herum, sie laden uns ein, gleichfalls zu fehlen und zu sündigen. Und das ist auch der Grund dafür, warum der Jugend nicht immer mit sicherem Erfolg das Wahre und das Gute eingeprägt werden kann.
12. Dies also sind die wirklichen Gründe für die geschilderten Schwierigkeiten der hier geforderten Pflege. Dennoch aber ist es unumstößlich wahr, dass Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt oder zumindest verringert werden können, wenn man ihre Ursachen bekämpft. Das wollen wir nun in dieser Reihenfolge untersuchen.
Manche Leute glauben, dass Einfältigkeit das beste Heilmittel gegen die Unbeständigkeit der menschlichen Natur sei, die sich ihrer vielfältigen Veränderlichkeit wegen allem Erschaffenen zuwendet, sich von diesem beeinflussen lässt und sich ansteckt. Die Einfältigkeit besteht angeblich darin, dass der Mensch mit seinen Sinnen nur möglichst wenig Sachen berührt und sich vor der Vielfalt und Mannigfaltigkeit der Dinge verschließt. Würden wir dieser Ansicht zustimmen, müßten wir notwendig die Kinder vor einer Kenntnis der Sachen bewahren. Das sei ferne von uns! Dieses Mittel ist durchaus fehl am Platze: auch leistet es nicht, was man sich von ihm verspricht. Es ist verfehlt, weil es den Geist des Menschen, dem das Ganze untergeordnet ist, seiner Erhabenheit entblößt und ihn seiner Freude beraubt. Dieses Mittel wendet sich aber auch unvermerkt gegen Gott selbst, den Schöpfer dieser bunten Mannigfaltigkeit und den Erbauer des Menschengeistes, und es verdächtigt ihn einer gewissen Schuld. — Es leistet nicht, was es sollte: Auch eine geringe Anzahl von Gegenständen erfüllt die Sinne und verleitet die Phantasie zu mancherlei nichtigen Gedanken, die dem Körper und der Seele schädlich sind. Und das um so mehr, je weniger die Sinne durch die Mannigfaltigkeit der Dinge belebt werden, wenn das ganze Vermögen der Natur nur auf wenige Dinge seine Kraft richtet. Das ist bei den Dorfbewohnern und den wilden Völkern zu beobachten. Aus den wenigen Sachen, die sie mittels der Sinne aufgenommen haben, bilden sie sich die absonderlichsten und verderblichsten Meinungen über die Dinge und kommen zu den wunderlichsten Bräuchen. Sie halten so an ihnen fest, dass sie oft lieber sterben, als dass sie diese ändern und einer besseren Überzeugung Raum geben.
Wenn du aber durchaus den Menschen auf diesem Wege lenken willst, dürfte es wohl am sichersten sein, ihn von allen Gegenständen fernzuhalten oder, was dasselbe ist, ihn all seiner Sinne zu berauben, ihn blind, taub und gefühllos zu machen. Und wir wissen, dass dies hier und da einige törichte Fanatiker an sich selbst demonstriert haben. Das hieße, aus den Menschen Nicht‑Menschen machen. Wir aber bemühen uns um einen Weg der Vermenschlichung und nicht um den der Entmenschlichung. So dürfte der Rat, die Ordnung (ordo) so zu belassen, wie sie Gott in seiner höchsten Weisheit gestiftet hat, mehr Erfolg haben. Ein solcher Plan verlangt, dieses äußerst künstliche Geschöpf, das vor allem Schädlichen bewahrt werden muss, durch alle nur möglichen Sicherungen zu wappnen. Das leistet allein die Pansophia; sie lehrt den wahren Gebrauch aller Sachen und schließt ihren Mißbrauch aus.
13. Gleichwohl muss man das Ungestüm der grenzenlosen Freiheit bändigen und die Begierde des Willens, sich auf alles zu werfen, überall durch Gesetze der Ordnung (ratio) begrenzen, damit der Mensch deutlich einsehe, dass er sich nicht ohne Schaden zu allem hinreißen lassen kann, und damit er sich selber zügele. Wenn er sich daran gewöhnt hat, sich selbst zu mäßigen in dem, was der Ordnung widerspricht, wird er auch leichter die Zügel einer fremden Leitung ertragen. Das dürfte sich besonders dann erreichen lassen, wenn man alles so einrichtet, dass der Mensch nichts, was er tun soll, gezwungen, sondern sozusagen von selbst, aus freiem Wunsch und Willlen, tut.
14. Gegen die Verderbnis der Natur lässt sich auf dieser Welt kein besseres Mittel ersinnen als das, welches uns der menschgewordene Gottessohn von seiner Kindheit an gezeigt hat: der Entschluß nämlich, sich Gott unterzuordnen, seinen Willen zu tun und zu leiden. Siehe, ich komme sprach er, als er die Welt betrat, dass ich tue, Gott, deinen Willen (Hebr. 10,7). Damit der Mensch auch von sich selbst her zu einer ähnlichen Haltung komme, muss er glauben und einsehen lernen, dass all unser Eigenwille (desideria nostra) ganz und gar verdorben ist und wir unter unserer eigenen Führung nur dem Untergang entgegengehen können; er muss lernen, dass sich dem Menschen nichts Gewisseres anraten lässt, als Gott sich zum Führer zu erwählen, der uns wie ein Vater wohl will, der tausendmal besser als wir weiß, was uns nützt und was uns schadet, ihn anzurufen und ganz dem eigenen menschlichen Wollen zu entsagen. Dann wird er nicht zugrunde gehen können. Dieses erhabene Geheimnis einer vernünftigen und ordnungsgemäßen (rationabilis) Gefolgschaft lässt sich allerdings Kindern, besonders im ganz frühen Alter, nicht in der Ausführlichkeit erläutern, dass sie es wirklich verstehen. Es kann aber der Weg zu solcher Einsicht dadurch bereitet werden, dass die Jugend streng daran gewöhnt wird, eher dem fremden als dem eigenen Willen zu folgen, d. h. dass sie in allem den Anweisungen der Eltern, Ammen und Erzieher gehorcht. Niemals sollten wir sinnlose Befehle und Gebote geben, in denen Kinder, die bereits ihren Verstand zu gebrauchen beginnen, etwas Abgeschmacktes und Ungerechtes finden könnten. Denn wenn das geschieht, zerbrechen sie die Riegel des Gehorsams und entschließen sich, heimlich oder öffentlich lieber ihrem eigenen Willen zu folgen. Weil wir ein vernünftiges, der Ordnung fähiges (rationalis) Wesen formen, sollten wir daran denken, dass wir nur vernünftig und ordnungsgemäß (rationabilis) mit ihm umgehen dürfen.
15. Wie groß auch die Schwierigkeiten sein mögen, leicht ist ein Rat gegen sie gefunden; — wenn er nur befolgt würde! Man sollte nämlich dafür sorgen, dass schlechte Beispiele und Gelegenheiten zu jedwedem Ärgernis von Aug und Ohr der Menschen, besonders in der frühen Kindheit, ferngehalten werden. Verfehlungen werden nicht ohne Nachahmung begangen, und die Nachahmung geschieht nicht ohne Vorbilder. Gibt es nun keine Vorbilder, gibt es auch keine Nachahmung. Wie es aber einzurichten ist, dass es tatsächlich keine schlechten Beispiele mehr gibt, das wird weiter unten an den betreffenden Stellen dargelegt werden. Jetzt genügt es, aufgezeigt zu haben, dass nichts unserem auf sein natürliches Maß gebrachten Vorhaben (votum) derart im Wege stehen kann, dass es unerreichbar wäre. Nur müssen möglichst alle Hindernisse aus dem Wege geräumt werden.
16. Zur Natur des Menschen gehören offenbar wesenhaft das Vermögen des Geistes (ingenium), der Wille und die Fähigkeit zum Handeln. Diese dreifache Menschennatur nährt sich von dem Wahren, dem Guten und dem Einen, das ist die einende Kraft oder das Mögliche. Die Natur des Menschen besitzt eine solche Ehrfurcht vor der Wahrheit, dass sie auch dem Betruge glaubt, wenn er in Gestalt der Wahrheit auftritt. Alles Gute liebt der Mensch so, dass er auch das Böse nur anstrebt, wenn es das Gewand des Guten trägt. Und nach jedem im Bereiche der Möglichkeit liegendem Guten verlangt er in dem Maße, dass er auch Unmögliches, versucht, wenn es nur die Spur einer Möglichkeit an sich zeigt. — (Denn die Menschen erkennen das Falsche nur deshalb an, weil sie es für wahr halten; sie lieben das Böse, weil sie überzeugt davon sind, dass es das Gute sei, und um Unmögliches bemühen sie sich nur deshalb, weil sie hoffen, dass es möglich wäre.) — Biete dem geistigen Vermögen etwas wirklich Wahres an, gleich wird es dieses ergreifen; zeige dem Willen etwas wahrhaft Gutes, gleich wird er es an sich reißen; dem Tätigkeitsdrang gib etwas wirklich Mögliches, sogleich wird er es ausführen, wenn du ihm vor Augen stellst, dass diese Aufgabe auch leicht zu erfüllen ist.
17. Das Gemüt (animus) des Menschen und seine Teile, das Vermögen der Einsicht, der Wille und das Gedächtnis, sind von unbegrenzter Fassungskraft, einem Abgrund vergleichbar, der weder mit wenigem noch mit vielem ausgefüllt werden kann; unendlich viel Nahrung ist für ihn notwendig. Wenn über diesem Abgrund nicht das volle Licht angezündet ist, wird sich zwar auch der Geist Gottes, die Lebenkraft des eingeborenen geistigen Vermögens (ingenium), über ihn erheben, dennoch wird er aber ein Abgrund bleiben und nicht das Aussehen (facies) des wohlgeordneten Weltalls annehmen. Lassen wir also getrost das dreifache göttliche Licht in uns ein das Licht der Werke Gottes, die wir mit den Sinnen untersuchen, der göttlichen Fackeln in uns, die in den Aussagen des Verstandes aufleuchten, und der Offenbarung Gottes, die wir mit dem Glauben erfassen —, und wir werden schauen, was die Macht Gottes vermag!
18. Wenn auch unser Geist (mens) von unendlicher Fassungskraft ist, so scheut er doch gerade diese Grenzenlosigkeit, die ihm Maß und Bestimmung (termini) verwehrt, durch die er eine Sache umschreiben und in den Griff bekommen könnte. In dieser Not kann ihm vorzüglich geholfen werden, wenn keine Sache gleichsam als unbestimmte Nichtigkeit, sondern in den unbeweglichen, fest bestimmten Grenzen ihrer Seiendheit (essentia) dargeboten wird. Es soll auch nicht alles mit allen seinen Einzelheiten vorgelegt werden, sondern nur in seinen hauptsächlichen Verhältnissen und in seinen Hauptteilen, die ihrerseits von selbst die Einzelheiten nach sich ziehen und gleichsam gefesselt vor dem Verstand, dem Willen und den Fähigkeiten aufstellen. Obendrein könnten sie auch, wenn nur die Hauptumstände erfaßt sind, ohne weiteres weggelassen werden. Denn das wahre Menschenglück ist nicht auf den bloßen Besitz von vielem Guten (multa bona) gegründet; es beruht vielmehr auf dem Genuß echter Güter. Wer wenig, dafür aber echte Werte besitzt, ist weniger verzettelt und beschwert, hat mehr Ruhe und Freude und ist sicherer seines Besitzes [als der, welcher vieles sein eigen nennt]. Wer mit Gold, Edelsteinen und Seide handelt, wird sich nicht so leicht auf billige Ware umstellen. Und wenn wir imstande sind, unseren Geist mit den höchsten Dingen dieser Welt zu beschäftigen, können wir ihn leicht von dem Kehricht irdischer Geschäfte abwenden.
19. Aus den letzten drei Kapiteln ergeben sich folgende drei Forderungen: Wir gehen aus von dem Wissen um die Notwendigkeit einer instandsetzenden Vervollkommnung des Menschengeschlechts und fordern,
I. dass die ganze Menschheit, jeder einzelne, zu vervollkommnen ist. Wir benötigen also als Pflegestätten Schulen, die sich nach der Maßgeblichkeit des Ganzen richten (schola universalis) und der Vervollkommnung aller Menschen genügen; hierfür gebrauchen wir die Bezeichnung: Panscholia.
II. Nur durch das Ganze kann dem Menschen zu sich selbst verholfen werden. Dazu sind Mittel nötig, in denen das Ganze zum Zuge kommt (universalis), ich meine Bücher, die das Ganze enthalten; wir reden daher von einer Pambiblia.
III. Die Menschen sind gründlich zu unterweisen. Hierzu brauchen wir Lehrer, die stets das Ganze im Blick haben (universalis) und die es verstehen, allen Menschen das Ganze gemäß seinen Grundweisen zu eröffnen. Das meinen wir mit der Bezeichnung Pandidascalia.
20. Diese drei Forderungen hatte man bisher nicht recht erfüllt, und so war es um die Welt schlecht bestellt. Einige Völker besaßen überhaupt keine Schulen. Sie genossen also auch nicht ihre vervollkommnende Pflege und lebten in barer Einfalt und Barbarei. Andernorts gab es zwar Schulen, aber keine guten. Da war die Pflege mangelhaft, ungeeignet zur Verbesserung der Natur des Menschen und nur zu noch größerem Verderben angetan. Hier und da gab es freilich auch Schulen, die ein gutes, frommes und heiliges Ziel anstrebten; es fehlte aber bei ihnen an der rechten Ordnung, sie waren ein Arbeitshaus und ein Labyrinth. Wir müssen deshalb darauf achten, dass überall Schulen zum Nutzen des ganzen Menschengeschlechts eingerichtet werden. Sie sollen dem Plane Gottes folgen, das Bild Gottes im Menschen sollen sie wiederherstellen und es nicht beschmutzen, auf dass alle Menschen, zu gefälliger Tätigkeit zurückgerufen, ein Garten der Freude werden.
21. Ebenso haben einige Völker überhaupt keine Bücher, andere wieder ersticken im Überfluß, so dass diese dem Menschen (ingenia) nicht helfen, sondern ihn überwältigen. Sie sind mit mannigfachen Irrtümern, philosophischen, medizinischen, politischen und religiösen, vollgestopft; oder wenn sie schon die Wahrheit darstellen, so doch mittels einer falschen Methode, so dass ihre Lektüre den erwünschten Nutzen nicht bringt. Diese Mittel einer instandsetzenden Wartung des Menschengeschlechts, die Bücher, müssen also in der Weise verbessert werden, dass es künftig keinem Volke daran fehle und dass die schier grenzenlose Menge der Schriften auf eine beschränkte Zahl herabgesetzt werde. Das lässt sich dadurch erreichen, dass man ihren allzu üppigen Inhalt auf ein ausreichendes Maß verkürzt, die abschweifende Willkür des Gelernten auf die gesicherten Wahrheiten beschränkt und ihre dornige Verwendbarkeit in liebliche Wege wandelt.
22. Das eben Gesagte gilt auch von den Erziehern des Menschengeschlechts. Nirgendwo sollen sie fehlen, sie sollen gut sein, sie sollen gelehrt und gute Lehrer sein. Sie sollen also selbst zur Einsicht in das Ganze gekommen sein, das den Menschen zum Menschen macht, und sie sollen imstande sein, andere durch das Ganze instand zu setzen.
23. Die in dieser Weise ordnungsgemäß aufgestellten Forderungen bestimmen auch die Regeln, die den hierauf folgenden Kapiteln zugrunde liegen. In ihnen wird zu zeigen sein, wie jede Altersstufe des Menschenlebens ihre Schulen, Bücher und Lehrer (scholae, libri, doctores) haben muss. All das muss so beschaffen sein, wie es die Pansophia, das wahre Wissen vom Ganzen, lehrt, damit das Ganze stufenweise seiner Vollkommenheit entgegenstrebe.
24. Ja, auch die folgende erhabene Aufgabe muss man beachten und zu erfüllen trachten: I. Jeder Mensch, der zum Gebrauch des Verstandes gebracht worden ist, soll sich selbst Schule, Buch und Lehrer sein. II. Ein jeder soll auch seinem Nächsten im fortgesetzten Umgang zur Schule, zum Buch und zum Lehrer werden. III. Nirgendwo soll es an brüderlichen Schulen, an öffentlichen Büchern und Lehrern fehlen
Aus: Comenius, Johann Amos: Pampaedia, Allerziehung. In deutscher
Übersetzung hg. von Klaus Schaller, Sankt Augustin 1991, S. 67-84