Die europäische Weltgegend wünscht allen unter dem ganzen Himmel verstreuten Völkern, Stämmen, Sprachgemeinschaften Frieden und Heil!
Johann Amos Comenius
Überaus geehrte Freunde, Mitbewohner des Erdkreises, geliebte Blutsverwandte!
Was wir Europäer mit unseren Ratschlüssen zu betreiben begonnen haben, sollte niemandem unbekannt bleiben, weil es alle gleichermaßen betrifft. Es geht um die Wege zum gemeinsamen Heil. Darauf zu achten, haben wir vernachlässigt, da wir auf verschiedene Weise untereinander zerspalten waren und sich jeder von uns damit zufrieden gab, seinen eigenen Vorteil zu verfolgen. Diese Unachtsamkeit dürfen wir uns aber nicht mehr erlauben. Um dieses Anliegens willen dank der Gnade Gottes an einem einzigen Ort versammelt, sind wir der Überzeugung, dass wir dies auch Euch, die Ihr über die restliche Welt hinweg verstreut seid, nicht verheimlichen dürfen. Haben wir doch mit Euch den einen Schöpfer gemeinsam, Gott, dessen Ebenbild wir alle sind. Wir haben auch mit Euch den einen Vater gemeinsam, Adam, dessen Nachkommen wir alle sind. Wir haben ferner mit Euch die eine Hoffnung auf Unsterblichkeit gemeinsam, auf die wir alle Anwärter sind und erwartungsvoll vorausblicken. Schließlich sind wir in diesem gegenwärtigen Leben auf die Welt verwiesen, in der wir eine gemeinsame Schule, ein gemeinsames Gotteshaus und ein gemeinsames Reich haben. Wir alle sind Schüler, Bewahrer und Mitbürger dieser Welt, weil alles, was die Welt bietet, für unseren gemeinsamen Gebrauch bestimmt ist, auf dass wir diese Güter anwenden, sie zu unserer Bildung nutzen und in Dankbarkeit dafür Gott dienen bis wir entrückt werden an die Himmlische Akademie, ja in den Tempel der Ewigkeit und in die glückseligen, niemals zuende gehenden Reiche. O wie glücklich wären die Erdgeborenen also, wenn sie die ihnen zustehenden Güter kennen würden und wenn sie sich darauf verstünden, sie zur Ehre Gottes und zur eigenen Glückseligkeit zu verwenden und zu genießen.
In dieser Angelegenheit sollten wir einander helfen. Was hierüber uns Europäern (die Gott durch seine Züchtigungen gedemütigt und dazu genötigt hat, über die universalen Wege der reuevollen Umkehr nachzudenken) in den Sinn gekommen ist, seht, das teilen wir Euch so offen und aufrichtig mit, als geschähe es vor dem Antlitz Gottes – Euch in Asien, Euch in Afrika, Euch in Amerika, Euch in Magellanien, Euch, die Ihr unter dem ganzen Himmel auf den Inseln des Meeres verstreut seid!
Wenn ihr Ähnliches habt oder sogar etwas Besseres, dann teilt auch Ihr es mit: damit kein Gut übrig bleibt, das nicht auch Allgemeingut ist. GOTT hat unsere Zahl vervielfacht, wir haben die Erde angefüllt, so dass wir füreinander sogar zu Unbekannten geworden sind, als ob wir jeweils auf einer anderen Weltkugel leben würden. Doch schon beginnt unser Schöpfer damit, uns wieder miteinander zu vereinen, nachdem sich für uns Europäer der Weg zu Euch, allen anderen, aufgetan hat, so dass wir bereits imstande sind, einander zu schreiben und uns hinsichtlich all unserer Angelegenheiten auszutauschen. Weil also durch Schiffahrt und Handelsverbindungen bereits die gesamte Welt offensteht, so laßt uns gleichfalls füreinander offen sein, auch was unsere Güter betrifft, vor allem diejenigen des Geistes. Schließen wir unsere technischen Fertigkeiten und unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen! Schließen wir sie auch zusammen in dem Bestreben, uns selbst weise und friedvoll zu regieren! Schließen wir daran auch noch das Bemühen an, Gott auf fromme Weise zu dienen!
Wir alle sind vernunftbegabte Geschöpfe Gottes: Doch ist es gewiß, dass viele von uns ihre Handlungen unvernünftig begangen haben und begehen. Kommt, kehren wir auf die Wege der Vernunft zurück! Damit fürderhin all unsere Angelegenheiten ohne Makel und Fehler sind, sofern dies die Verhältnisse in diesem todgeweihten Leben gestatten. Ein jeder von uns allen liebt sein Wohlergehen: Laßt uns also auch den Zustand allgemeiner Ruhe lieben, ohne ihn gibt es keine Sicherheit, und ohne wahre Sicherheit gibt es keinerlei wahres Wohlergehen. Und wenn wir dieses ernsthaft lieben, dann laßt uns auch damit beginnen, die Wege des Friedens ernsthaft zu lieben, mehr als bislang. Wir alle verehren nämlich das höchste göttliche Wesen (nämlich jene unsichtbare Kraft, die uns, wie wir alle fühlen, unser Sein schenkt uns erhält, uns in Obhut nimmt und regiert): aber nicht auf eine und dieselbe Weise. Kommt also, laßt uns damit beginnen, alle jenem EINEN zu dienen, unter dessen Macht wir alle stehen, auf dass in eben jenem auch wir alle EINS seien.
Was und auf welche Weise diese Angelegenheiten bei uns seit neuestem beraten werden, das wird Euch unverhohlen das Buch lehren, das wir Euch allen auf der ganzen Erde zukommen lassen (ist es doch für uns leichter, mit Euch Kontakt aufzunehmen, als umgekehrt). Betrachtet es, lest es, fällt Euer Urteil! Ihr werdet Eure Freude daran haben und mit uns zusammen den Schöpfer loben. Ihr aus Asien schickt uns Duftstoffe, Seide und Edelsteine; Ihr aus Afrika laßt uns Papageien, Affen, Löwen und Elfenbein zukommen; Ihr Amerikaner habt unser Europa mit Gold und Silber angefüllt. Sollen wir da so ganz ohne Geschenk dastehen? Sollten nicht auch wir Euch eine Gegengabe schicken? Seht, wir schicken Euch eine Gegengabe, unsere Erwägungen über unser und Euer Heil, sowie die Funken, die dazu dienen sollen, zum gemeinsamen Gebrauch aller den Lichtschein der Weisheit zu entfachen! Wenn Ihr den Zunder der Aufmerksamkeit beisteuert, dann wird auch Euer Geist zur Laterne Gottes werden und dadurch die an Eure Weltgegend angrenzenden Gebiete sowie Eure Nachkommenschaft mit dem Licht Gottes durchtränken.
Um Euch eine derartige Freude zu bereiten, sind wir nicht davor zurückgeschreckt, dieses Büchlein in die Sprachen all der Volksstämme übersetzen zu lassen, die wir zu erreichen verstehen, und an Übersetzern hat es uns nicht gemangelt. Falls uns zu den übrigen kein Zugang offenstehen sollte, so wird er Euch offenstehen, falls Euch die Liebe zum Gemeinwohl gleichermaßen zu eifrigen Anstrengungen vereint. Es ergehe Euch allen wohl; und damit ihr bekundet, dass Euch Euer Heil und das Eurer Nachkommenschaft am Herzen liegt, nehmt diese Ratschläge aufmerksam zur Kenntnis! Und betet darum, dass sich GOTT unser aller erbarme (damit endlich einmal all jene Dunkelheiten, Wirrnisse und Hindernisse von unserem ganzen Geschlecht genommen würden). Und dann tragt zusammen, was immer auch Euch in diesen Angelegenheiten der All‑Erbarmer eingibt; bereichert mit Euren Gedanken und sehnsuchtsvollen Wünschen die unseren, bessert sie aus und verstärkt sie, und teilt sie dann wiederum uns mit (vielleicht postwendend durch diese unsere Gesandten).
Wir haben diese Botschaft in N. N. erlassen, wo wir uns aus all unseren Reichen versammelt haben, im ablaufenden sechsten Jahrtausend nach der Schöpfung der Welt und nach der Erschaffung des ersten uns allen gemeinsamen Vaters; im Jahre 4344 nach der Zerstörung der alten Welt durch die Sintflut und der erneuten Wiederherstellung des Menschengeschlechts durch Noah, im Jahre 4220 nach der Verwirrung der Sprachen und der Zerstreuung der Volksstämme; im Jahre 1666 nach der Ankunft des Erneuerers der Welt.
Überaus um Eurer Heil bemüht,
Eure Mitbürger auf der Erdkugel,
Die Europäer.
Vorrede zur Panglottia des Comenius. Aus: Johann Amos Comenius:
De rerum humanarum emendatione consultatio catholica, Band 1. Prag 1966,
S. 149-151. Ins Deutsche übertragen von Uwe Voigt.
In: Comenius-Jahrbuch, 7/ 1999, Baltmannsweiler 1999, S. 11-11