Der Friedensbegriff im

Lexicon reale pansophicum des Comenius

Von Walter Eykmann (Würzburg)

 

Die Idee des Friedens ist bei Comenius an verschiedenen Stellen grundgelegt. Im Lexicon reale pansophicum gibt er eine eigene Definition der pax. Bekanntlich hat die Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften zum ersten Male 1966 das große Kon- sultationswerk des Comenius, De rerum humanarum emendatione consultatio catholica, zu-sammen mit dem alphabetischen Stichwörterverzeichnis, eben dem Lexicon reale panso- phicum, veröffentlicht. Das ganze Werk ist zu Lebzeiten Comenius’ nicht zum Druck gegeben worden, weil es nicht druckfertig war; einige Teile dieses großen Werkes wurden allerdings in Amsterdam gedruckt. Vor seinem Tod ließ Comenius seinen Sohn Daniel schwören, dass er die Entwürfe mit Hilfe eines Gelehrten ordnen und dann veröffentlichen würde. Zu einer Herausgabe kam es trotz entsprechender Anstrengungen angesichts der mehr als dreitausend handschriftlichen Seiten aber nicht. Das Werk blieb also ein Manuskript, das zwar bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts erwähnt wurde, dann aber, wie es schien, abhanden gekommen war und erst 1934 und 1935 in der Bibliothek des Franckeschen Waisenhauses zu Halle an der Saale entdeckt wurde.

Wie lautet nun die comenianische Definition von pax (Friede)? „Pax status rerum ordinis beneficio tranquillus, ut omnia in tuto sint. Tria ergo dicit, qui pacem dicit. 1. Rerum statum tranquillum sine tumultu, 2. fundamentum eius, Ordinem, 3. fructus eius, Securitatem“ (Der Friede ist durch die Wohltat der Ordnung ein ruhiger Zustand der Dinge, so dass alles sicher ist. Wer vom Frieden spricht, meint also drei Dinge: 1. einen ruhigen Zustand ohne Auf­ruhr, 2. dessen Grundlage, die Ordnung, 3. dessen Frucht, die Sicherheit). Mit dieser Definition schließt Comenius die vielfältige Reihe der Zitate und Beispiele einer genügsamen Lebensweise mit der sprachlich-kunstvollen und äußerst wichtigen Feststellung ab, dass es eine Menge an Königreichen und Republiken gebe, „ubi quanto maior temperantia et rerum simplicitas, tanto tranquillior rerum status fuit (wo der Zustand der Dinge umso früher gewesen ist, je größer die Mäßigung und die Einfachheit der Dinge war)“.

Wie versteht Comenius den „status rerum tranquillior“ (den ruhigen Zustand der Dinge)? Hermann Röhrs, der sich zu der friedenserzieherischen Tendenz des comenianischen Gesamtwerkes äußert, zitiert eine Passage von Klaus Schaller und stimmt ihr zu: „Der Mensch ist bei Comenius Garant des Universums, indem er alles Seiende wieder auf Gott, in welchem ihm allein Sein und Bleiben zukommt, hinzuwenden hat. Der Mensch hat ‚pro tran- quillo rerum statu‘ (für den ruhigen Zustand der Dinge) aufzukommen; er ist der universale Friedensstifter.“

Ist nun die „Ruhe“ bei Comenius eher statisch oder eher dynamisch zu interpretieren, und versteht er unter „Frieden“ mehr als ein erfolgreiches Zur-Ruhe-Kommen oder als Aufgabe und Prozess? In der letzten Passage seines „Friedensengels“ (Angelus Pacis) spricht Comenius von einer Aufgabe, die, wenn Frieden in Breda, aber auch grundsätzlich werden soll, eine Daueranstrengung darstellt.

Der Friede wird also als eine Aufgabe, als etwas Dynamisches gesehen. Kriege werden nicht durch Weiterführen beendet, „sed omnia haec in contrarium mutando (sondern dadurch, dass dies alles ins Gegenteil verwandelt wird). Aktives Tun und der Mut zum Handeln ist gefordert. Das Herstellen und Sichern des Friedens ist als Werk des Menschen, unter Einschluss göttlichen Schenkens, nicht eine immer schon erwirkte Tatsache, sondern eine immerwährende Aufgabe.

Aus: Korthaase, Werner; Hauff, Sigurd (Hg.): Comenius

und der Weltfriede. Berlin 2001, S. 26.

 

 

Der „Angelus Pacis“ des Johann Amos Comenius

 

Von Walter Eykmann, Würzburg

 

Häufig ist hervorgehoben worden, dass Comenius sich selbst als einen „Mann der Sehnsucht“ (eigentlich: „der Sehnsüchte“) bezeichnet hat. Diese Erkenntnis trifft vor allem auf ein Thema zu, dem sich Comenius nachhaltig gewidmet hat: auf die Sehnsucht der Menschheit nach Frieden. In dem zwei Jahre vor seinem Tode entstandenen Werk Unum necessarium [Amsterdam 1668] nennt er expressis verbis sein Bemühen um den Frieden. „Alter mihi diuturnus quoque ac molestus labyrinthus fuit irenicum studium“ (Ein zweites Labyrinth, in dem ich ebenfalls lange Zeit unter Beschwerden umherirrte, war mein Bemühen, Frieden zu stiften). Auch in seinem theologisch-pädagogischen Hauptwerk De rerum humanarum emendatione consultatio catholica greift er diese Thematik auf, wie wir später sehen werden.

Obwohl aus einer konkreten politischen Problemstellung erwachsen, enthält seine Schrift Angelus pacis [Amsterdam 1668], gerichtet an die in der Stadt Breda 1668 versammelten Unterhändler zur Beendigung des englisch-niederländischen Seekrieges,  grundlegende friedenstheoretische und friedenspädagogische Gedanken. Der lateinische Text wie auch die bisher einzige deutsche Übersetzung aus dem Jahre 1926 lesen sich relativ schwer, da eine Fülle von Bibelzitaten aus dem Alten und Neuen Testament, aber auch viele Dicta römischer Dichter und Geschichtsschreiber das flüssige Lesen hemmen und den roten Faden der comenianischen Gedankenführung leicht verlieren lassen. Kapitelüberschriften fehlen; andererseits numeriert Comenius seinen Text mit fortlaufenden Zahlen. [...] Einer fortlaufenden Gliederung entzieht sich der „Friedensengel’’, weil die Schrift offenbar drei in sich etwa gleichgewichtige Schwerpunkte (politisch, theologisch, pädagogisch) hat, um die sich jeweils eine allgemeine friedenserzieherische Erörterung rankt. Es kommt hinzu, dass in den ersten und letzten Abschnitten der Gesamtschrift nahezu kongruente Gedanken geäußert werden.

Insgesamt stellt sich die Gliederung der Schrift so dar:

Appell an die Gesandten (1‑3), Wege zum Frieden suchen (4‑5), Falsche Wege (6), Richtige Wege (7‑17), Mäßigung (18‑21). 1. Politisch konkret: Teilung der Seeherrschaft (22‑23), Mäßigung (24‑27), Europa spricht Urteil (28‑32), Aussöhnung (33). 2. Theologisch konkret: Die Sache Gottes erhält Gottes Hilfe (34‑38), Aussöhnung (39), Freiheit und Gewinn (40‑44), Weltende und Friede (45‑46). 3. Pädagogisch konkret: Drei neue Bücher zur Versöhnung, Vervollkommnung und Umkehr der ganzen Menschheit (47-­50), Nähe des Weltendes (51), Aufträge an Theologen und Politiker (52‑53), Mahnung zur Bibellektüre (54‑57), Dreifacher Appell an die Gesandten (58‑60).

Selbst diese sparsame Gliederung zeigt an, welche Fülle an irenischen Ge­halten, Überlegungen und Reflexionen in diesem comenianischen Werk stec­ken. Wir beschränken uns darauf, die großen Linien nachzuzeichnen und die auch heute noch aktuellen friedenserzieherischen Anregungen zusammenzufassen.

Im ersten Drittel seines Sendschreibens nennt Comenius mehrere Wege, die zum Frieden führen können. An erster Stelle (Nr. 7) stehen für ihn dabei Gedanken aus der Bergpredigt. Da der theologisch gebildete Pädagoge und pädagogisch gebildete Theologe Comenius häufig auf die Bergpredigt Bezug nimmt, werden wir später diese Gedankenführung eigens erörtern. Im großen Rahmen der friedenserzieherischen Aktivitäten kommt er an exponierter Stelle auf das Phänomen der Mäßigung zu sprechen, wobei gleichzeitig — und dies vermerke man sehr genau — der Friedensgedanke und das Beispiel‑Geben gezielt mitberücksichtigt werden. „Eritque in exemplum ... Ordinum pacem victoriis constanter praeferentium moderatio“, und für diese wird die Mäßigung der allmächtigen Stände, die beharrlich lieber Frieden wollen als Siege, der Nachwelt als Beispiel dienen" (16). Zwei Abschnitte weiter spricht er das Mäßigungsgebot in adverbialer Weise (moderate, 18), aber immer noch vom gleichen lateinischen Wortstamm, an beide Verhandlungsparteien aus.

Den ersten Höhepunkt dieser comenianischen Studie findet man in den Abschnitten Nr. 22 und 23, wo der Verfasser den Holländern und Engländern in Form eines Kompromisses den politisch-konkreten Friedensvorschlag macht — in Anlehnung an die Güterteilung zwischen Abraham und Lot —, „eine ähnliche Teilung der Schifffahrt und des Handels“ (22) vorzunehmen. Zum historischen Hintergrund sei angemerkt, dass der Kompromissfriede vom 31. Juli 1667 in Breda tatsächlich zu einer Teilung der Seeherrschaft führte. England erhielt die Macht in Nordamerika und konnte den Handel mit Indien und China fortsetzen, nach­dem es sich endgültig aus dem indonesischen Archipel zurückzog. Holland behielt das im karibischen Raum eroberte Surinam; einige niederländische Auffassungen wurden in Bezug auf das Seerecht von England anerkannt.

Die zweite Doppelung des comenianischen Hinweises auf das mäßigende Verhalten als irenische Maßgabe befindet sich in den Absätzen Nr. 26 und 28. Hier gebraucht Comenius nun aber das Substantiv temperantia und verbindet es das erste Mal mit der rerum simplicitas und das zweite Mal mit einer Nicht-Entscheidung seinerseits. Was heißt hier „Nicht-Entscheidung"? In pädagogisch geradezu vorbildlicher Weise enthält er sich einer Entscheidung (non pronuntio, 28), ob beide Völker in gleichem Maße oder das eine Volk mehr als das andere die Toleranzgrenze überschritten haben und damit dem Gebote der Mäßigung zuwider gehandelt hätten; denn dies müssten sie selbst herausfinden. Comenius deutet auf einen möglichen Erkenntnisprozess bei den Verhandlungspartnem hin, schreibt ihnen aber keinen determinierten Verhaltenskodex vor.

Überaus bemerkenswert ist der unterschiedliche Gebrauch der beiden Substantive moderatio und temperantia vor bzw. nach seinem politischen Vorschlag zur Teilung der Seeherrschaft. Es kommt hinzu, dass zwischen den Abschnitten Nr. 26 und 28, also im Abschnitt Nr. 27, an eine eindrucksvolle Tat des Philosophen Heraklit erinnert wird. Auch hier denkt der Pädagoge Comenius eminent pädagogisch. Er argumentiert mit einem Beispiel gelebten Lebens, um „die in Breda versammelten Nationen“ daran zu gewöhnen, „mit wenig zufrieden zu sein" (27). Heraklit hatte, als er aus Anlass eines Aufstandes zu einer Rede aufgefordert worden war, die Rednerbühne betreten, in einen Becher kalten Wassers Mehl und das eigenartige Gemüse Glechon gemischt, ihn ausgetrunken und wortlos die Bühne wieder verlassen. Von diesem Beispiel aus und durch das Hinzufügen des Begriffes simplicitas zu dem der temperantia wird klar, dass Comenius an der zweiten Stelle „Mäßigung" anders versteht als im ersten Fall. Mit temperantia ist die Mäßigung im Sinne des Maß-Haltens, des Sich-Bescheidens, vielleicht sogar der Selbstlosigkeit gemeint, ohne dass sie zur abstinentia würde. Im Lateinischen wird die Vokabel stets im lobenden Sinn von Personen und Sachen gebraucht. Die moderatio ist mehr die Selbstbeherrschung und besagt in Verbindung mit Personen, das rechte Maß zu beachten. Keiner wird bestreiten, dass in diesem Sinne temperantia und moderatio pädagogische Kategorien sind. Beide Bedeutungsfelder — und dies hat Comenius konkret um seinen Teilungsvorschlag gerankt, aber auch mit genereller Blickrichtung auf friedenserzieherische und -fördernde Aktivitäten und Bestrebungen meisterlich hervorgehoben — besitzen einen herausgehobenen Stellenwert im Ganzen einer personorientierten Friedenserziehung. Unterstrichen wird diese anthropologische Perspektive dadurch, dass Comenius ganz dezidiert an die versammelten Diplomaten den Appell richtet: „Beginnt bei Euch selbst" (a Vobis ipsis incipite, 9) und strebt danach, „dass der Liebenden Streit Anfang der Versöhnung sei" (amantium irae amoris redintegratio sit, 9). Abgesehen davon, dass der Finalsatz an das geflügelte Wort von Terenz erinnert (Amantium irae amoris integratio), verweist Comenius trotz seiner sonst so sorgfältigen Zitierweise nicht auf den frührömischen Dichter, stellt aber auf dem Weg zum Frieden einen direkten Bezug her zwischen der notwendigen Kritik am eigenen Verhalten und der Erneuerung von Freundschaft.

Hier sei es exkursartig erlaubt, einen aktuellen Bezug herzustellen, auch wenn dieser recht unvermittelt erscheinen mag. Wenn man die lateinische Begründung liest, mit der dem deutschen Bundespräsidenten Dr. Richard von Weizsäcker am 22. Juni 1988 die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford verliehen wurde: "Cumque Vir Excellentissimus Ricardus von Weizsäcker ... temperantiae atque modestiae exemplum praeclarum proposuerit, ... (et) strenue laboraverit, ut partes diversas in Concordiam adducat..." (und da der äußerst ehrenwerte Herr Richard von Weizsäcker ... ein rühmliches Beispiel an Mäßigung und Bescheidenheit geboten hat, ... (und) unablässig dafür gearbeitet hat, gegensätzliche Parteien zur Eintracht zu führen, ... ), so stellt man mit nicht geringer Überraschung fest, wie in einem heutigen Zeitdokument die comenianischen Kategorien der Mäßigung und Eintracht miteinander verknüpft werden, und dies ausdrücklich im Blick auf Friedensstiftung und Beispiel-Geben.

Die Abschnitte Nr. 26-28 sind so dicht formuliert, dass man aus ihnen noch eine weitere friedenserzieherische Maßgabe herausarbeiten kann: die Überwindung der Begierden. Zu Beginn der Passage Nr. 26 bietet der Analytiker Comenius zunächst die zutreffende Einsicht, die er auch an anderen Stellen ausbreitet (Nr. 9, 18, 21, 46, 58), dass bei Ablehnung „dieser göttlichen Ratschläge — quae divina consilia" — doch wenigstens "das Licht des natürlichen Verstandes — lux rationis naturalis" — als sinnvolle Erkenntnisquelle genutzt werden sollte. Im Anschluß daran bringt er Zitate von Seneca, Epikur, Sokrates, Pythagoras, Apuleius, Horaz, Martial und Dionysius Cato, die alle zur Bescheidenheit raten, aber vor allem die Begierde (cupiditas) und die Laster (vitia) geißeln. Seine Schlussfolgerung gipfelt in der positiven Deutung, dass der ein besseres und freieres Urteil hat, der „frei von Leidenschaften ist (liber ab affectu)", nicht unter dem Druck der Begierde steht und somit klarer über die Ursachen des Krieges, über die Art und Weise der Durchführung und schließlich über den Ausgang (vgl. Nr. 28) reflektieren kann. Diesen Gedanken hat Comenius eindringlich bereits bei der Aufzählung der richtigen Wege zum Frieden entfaltet, als er dem Satan und seinen Werkzeugen, das sind die schlechten Begierden, die Schuld an jeglichem Krieg zuspricht. In den eigenen Begierden sei der Grund für den unseligen und verderblichen Krieg zu suchen (Nr. 10).

Im Absatz Nr. 24, mit dem der zweite Anlauf zu dem Thema „Mäßigung“ beginnt, verweist der böhmische Friedensvermittler noch drastischer („ganz besonders — summe") auf „die Raserei der Leidenschaften" (furor cupidatum), die in die Glieder der Menschen dringen. Er bezeichnet sie als unheilbare Krankheit und vergleicht sie nach einem Dichterwort „mit der Wassersucht, bei der man desto mehr nach Wasser giert, je mehr man trinkt" (24). Gegen Ende des Sendschreibens, bei dem dreifachen Appell an die Gesandten, die er so gerne als Friedensboten ansprechen möchte, verwirft er wiederum „die verkehrten Machenschaften der Menschen" (perversas vero hominum molitiones, 58) und sieht in deren Überwindung die Möglichkeit, den Frieden als „Werk der Gerechtigkeit" (opus iustitiae) zu schaffen — pax, opus iustitiae, übrigens das Motto Papst Pius’ XII.

Wir resümieren die comenianische Kernaussage: Wer das Ende des Krieges und den Anfang des Friedens will, muss in sich selbst die Herrschaft der Begierden niederreißen und der Mäßigung in ihrem doppelten Sinn (moderatio und temperantia) Raum geben.

Vielleicht beruht der letzte Gedanke zu diesem Themenkomplex auf einer Über-Interpretation. Andererseits bietet — wie Johannes Schurr meint — „das größte pädagogische Genie ..., das die Welt hervorgebracht hat“, soviel Bestechendes, dass auch das Folgende mit Absicht so platziert und formuliert sein könnte. Gleichsam als Nachklang zu der ersten spricht Comenius am Ende der zweiten friedenserzieherischen Maßgabe — über das Phänomen „Aussöhnung" wird gleich zu reden sein — noch einmal von der Mäßigung, aber jetzt nicht mehr von moderatio und temperantia, sondern den Terminus mensura gebrauchend (Nr. 41), der wohl am besten mit dem deutschen Wort „Maß" übersetzt wird. An der entsprechenden Stelle geht es in Anlehnung an das 23. Kapitel des Jesaja wieder um ein ausgewähltes, pädagogisch wirksames Beispiel — darum, dass Gott das lasterhafte Tyros, den damals berühmtesten Handelsplatz der Welt, mit Strafen belegt habe, gleichzeitig aber auch Wiedergutmachung verspräche: „Was bedeutet das aber? Ich will es sagen: Alles erste in seiner Art gibt dem üb­rigen Maß und Bezeichnung (Kain den Mördern, Abel den Märtyrern, Babylon dem Hochmut, Sodom dem Laster, Ägypten der Tyrannei, Jerusalem der Kirche usw.). So war auch Tyros ..., Vorbild und Abbild aller folgenden (typus et figura). Alles also, was da von Tyros steht, gilt auch dir, Amsterdam, dir London, Lissabon, Venedig usw." (41). Unbestreitbar wird mensura hier in bildlicher Bedeutung gebraucht, so dass sie den Maßstab setzt und — positiv oder negativ — zum Vorbild wird. Comenius apostrophiert die damals bedeutendsten, abendländischen Handels‑ und Schifffahrtsstädte, vergleicht sie hinsichtlich ihrer Mängel, aber auch Vorzüge mit Tyros und entwickelt daraus das friedenserziehende Postulat (an die Verhandlungsführer in Breda gerichtet), dass ein Vorbild Maßstäbe setzt. In diesen Maßstäben, so ist Comenius zu interpretieren, steckt die Mäßigung in dem entfalteten, doppelten Sinn. [...]

Neben diesen grundsätzlichen Überlegungen bietet der Pädagoge Comenius in seiner Friedensschrift auch eine beeindruckende Fülle von Beispielen aus der Mythologie, der Bibel, der Geschichte und aus seiner eigenen Gegenwart, die zu konkretem Friedenshandeln anleiten sollen.

In der pädagogischen Gegenwartsdiskussion und -literatur findet man bei der Suche nach Markierungspunkten für Methoden einer personorientierten Erziehung, — wobei an das bekannte und bildhafte Wort von Max Scheler erinnert sei, dass Werte immer nur „auf dem Rücken der Person“ aufträten —, sehr wohl den Hinweis auf Beispiele gelebten Lebens. Sie sind wichtige Maßgaben personaler Erziehung, seien es nun Beispiele gelungenen oder gescheiterten Lebens. Winfried Böhm hat diese Erkenntnis trefflich charakterisiert: „Dieser Gang von Beispiel zu Beispiel erscheint als das angemessene Verfahren jeder nicht streng methodisierbaren und das heißt strictu sensu zu verwissenschaftlichenden Erfahrung; es ist mithin das Verfahren menschlicher Praxis und Erziehung par excellence.“

Im „Friedensengel“ ergibt ein Zählen der Beispiele des Comenius die stattliche Zahl von 93 bei „nur" 60 Textabschnitten. Die offenkundigsten und überzeugendsten Beispiele lesen wir in den Abschnitten 16, 23, 26, 27, 32, 35, 37, 39, 53 und 59. Besonders hervorgehoben seien: Kompromißbereitschaft (16); Abbau von Hochmut (26); Maßhalten (27); Warnung vor ungezügelter Sprache (32); Frieden mit Gott (35); die Erfüllung göttlicher (biblischer) Weisungen bringt Frieden unter den Menschen (53, 59). Von daher nimmt es nicht wunder, dass Comenius auch sonst die pädagogische Bedeutung von Beispielen hervorhebt. In seinem Monumentalwerk, der Consultatio, geschieht dies an mindestens zwei Stellen: in der Pampaedia (IX. Kapitel) und in der Panorthosia.

Im XII. Kapitel der Panorthosia, wo er seine Gedanken über die neue universale Politik darlegt, unterstreicht er die Bedeutung der Beispiele und spricht jetzt sogar von den exempla viva, mit denen die Herrschenden ihre Untergebenen belehren sollen. Geschähe dies "evanescerent ex humano genere violentiae, fluerent et florerent omnia" — dann verschwände jede Gewalttätigkeit aus dem Menschengeschlecht, und alles verliefe reibungslos und blühte auf. Dabei verknüpft Comenius das Nacheifern guter Beispiele direkt mit dem Gedanken einer gewaltfreien Erziehung und die pädagogische Maxime des Beispiel-Gebens mit dem Herstellen von Frieden, indem er auf diese Weise Gewalt­tätigkeiten aus dem Menschengeschlecht verschwinden sieht. Gleichsam die Krone setzt er seiner (und unserer) Gedankenführung auf, wenn er bei der Entfaltung dessen, was das Friedensgericht (Dicasterium Pacis) zu leisten hat, erneut fordert, dass jeder einzelne dieses Weltbundes der Staatsmänner in besonderer Weise als Norm und Beispiel der Gerechtigkeit (sibi ipsis valde tanquam lustitiae normis et exemplaribus) aufzutreten und zu handeln hat. Eine weitere Aufgipfelung des friedenserzieherischen Appells und eine engere Verbindung von Beispiel und Friedenshandeln als sie uns in dem Gedankengebäude des Johann Amos Comenius begegnet, kann man sich kaum vorstellen.

 

Aus: Johann Amos Comenius: Angelus Pacis, Friedensengel. Eingeleitet,

erläutert  und hg. von Walter Eykmann. Neu übersetzt von Otto Schönberger.

Würzburg: Verlag Königshausen und Neumann 1993, S. 84-88, 92-83.

Hier ohne Anmerkungen; mit einigen Veränderungen.