Der menschenfreundliche Comenius

Von Johann Gottfried Herder, Weimar

 

Sie wünschten, daß Jemand über den menschenfreundlichen Comenius ausführlicher spräche. Der bescheidene Mann spricht von sich selbst, (auch wo er es thun sollte und konnte, in seiner Kirchengeschichte der Böhmischen Brüder) sehr wenig; das Einzige Nothwendige lag ihm zu sehr am Herzen. [...]

Comenius, wissen Sie, war der letzte Bischof der Böhmischen Kirche. Er lebte in den traurigen Zeiten des dreissigjährigen Krieges, da mit ihm so viele, viele Familien auf die härteste Weise vertrieben wurden; seit welcher Zeit dann diese blühenden Gemeinen nie mehr zu einigem, geschweige zu ihrem alten Flor gelangten. Wollen Sie Ihr Inneres sanft und schrecklich erschüttert fühlen, so unterrichten Sie sich über den Zustand dieser Gemeinen von ihrer Entstehung an und endigen mit dieser traurigen Verstoßung. Keine Gemeine Deutschlands ist mir bekannt, die mit so reinem Eifer für ihre Sprache, für Zucht und Ordnung bei ihren Gebräuchen sowohl, als in ihrem häuslichen Leben, ja für Unterweisung und Aufklärung im Kreise ihres Nothwendigen und Nützlichen gesorgt, gestritten, gelitten hätte, als diese. Von ihr aus entsprang jener Funke, der in den dunkelsten Zeiten des härtesten geistlichen Despotismus Italien, Frankreich, England, die Niederlande, Deutschland wie ein Feuer durchlief, und jene vielnamigen Albigenser, Waldenser, Lollarden u.f. weckte. In ihr ward durch Huß und andre der Grund zu einer Reformation gelegt, die für ihre Sprache und Gegenden eine Nationalreform hätte werden können, wie keine es in Deutsch­land ward; bis auf Comenius strebte dahin der Geist dieser Slavischen Völker. In ihr ist eine Wirksamkeit, eine Eintracht und Tapferkeit gezeigt worden, wie ausser der Schweiz diesseit[s] der Alpen nirgend anders; und es ist kaum zu zweifeln, daß wenn man sich vom zehnten, vierzehnten Jahrhundert an diese Thätigkeit nur einigermaassen unterstützt gedenket, Böhmen, Mähren, ja überhaupt die Slavischen Länder an der Ostseite Deutschlands, ein Volk worden wären, das seinen Nachbarn andern Nutzen gebracht hätte, als den es jetzt seinen Oberherren zu bringen vermag. Die Unvernunft und Herrschsucht der Menschen wollte es anders. Eine Ilias beweinenswürdiger Umstände tritt dem Geschicht[slforscher vor Augen, über die der Freund der Ordnung und des Fleißes seufzend erröthet. Comenius betrug sich bei Allem mit der Würde eines apostolischen Lehrers.

Der Flüchtling nahm seine Jugendbeschäftigung vor; er ward ein Lehrer der Jugend, aber in einer großen Aussicht. Seine Grundsätze: „Kinder müßten mit Worten zugleich Sachen lernen; nicht das Gedächtniß allein, sondern auch der Verstand und Wille, die Neigungen und Sitten der Menschen müßten von Kindheit auf gebessert werden; und hiezu sei Klarheit, Ordnung der Begriffe, Herzlichkeit des Umganges vor Allem nöthig", diese Grundsätze sind so einleuchtend, daß Jeder sie in Worten vorgiebt, ob er sie gleich eben nicht in Comenius Geist und Sinne befolget. Dieser griff zur That; er gab seine Janua, er gab einen Orbis pictus heraus, die zu seiner Zeit eine unglaubliche Aufnahme fanden, in wenigen Jahren in eilf Sprachen übersetzt wurden, seitdem unzählige Auflagen erlebt haben und eigentlich noch nicht übertroffen sind: denn haben wir jetzt nach anderthalbhundert Jahren annoch ein Werk, das für unsre Zeit völlig das sei, was jene unvollkommenen Werke für ihre Zeit waren? Im ganzen Nord-Europa erregte Comenius Aufmerksamkeit auf die Erziehung; der Reichstag in Schweden, das Parlament von England beachtete seine Vorschläge. Nach England ward er gerufen; von Schweden aus sprach der große Canzler, Axel Oxenstirn [Oxenstierna] mit ihm; er ward zu Ausarbeitung derselben unterstützt; und obwohl, wie leicht zu erachten war, eine Hauptreform der Erziehung in Comenius Sinn aus zehn Ursachen nicht zu Stande kommen konnte, zumal im damaligen Zeitalter hundert Unglücksfälle dazwischen kamen, so hatte Comenius dabei seine Mühe doch nicht ganz verlohren. Seine Vorschläge (obgleich die meisten seiner Werke uns die Flamme geraubt hat,) sind ans Licht gestellt, ja sie liegen größtentheils, (so einfach sind sie,) in aller Menschen Sinne; nur erfordern sie Menschen von Comenius Betriebsamkeit und Herzenseinfalt zur Ausführung. Wenn er auflebte, und unsre neue Erziehung betrachtete, was würde der fromme Bischof zu mancher Marketenderei sagen?

Sein Plan ging indeß noch weiter. Er sahe, daß keine Erziehungsreform ihren Zweck erreichte, wenn nicht die Geschäfte verbessert würden, zu denen Menschen erzogen werden; hier griff er das Uebel in der Wurzel an. Er schrieb eine Panegersie, einen allgemeinen Aufruf zu Verbesserung der menschlichen Dinge, in welchem ihm St. Pierre an Ernst, und (ich möchte sagen) an heiliger Einfalt selbst nachstehen möchte. Er ladet aufs menschlichste dazu ein; meint, es sei ja Unsinn, Glieder heilen zu wollen, ohne den ganzen kranken Leib zu heilen; ein gemeinschaftliches Gut sei eine Gemein-Freude; gemeine Gefahr fo[r]dre auch gemeinschaftliche Sorge, und schlägt Mittel zur Berathschlagung vor. Die menschlichen Dinge, die er für verderbt hält, seyn Wissenschaften, Religion und Staatseinrichtung. Ihrer Natur nach bezeichneten sie den Charakter unsres Geschlechts, (Humanität,) mithin die eigentliche Menschheit, indem Wissenschaft den Verstand, Religion den Willen, die Regierung unsre Fähigkeit zu wirken, bestimmen und bessern sollte. Aller Menschen Betreben gehe dahin: denn jeder wolle wissen, herrschen, und genießen; edlere Seelen seyn nach der edelsten Macht, der wahren Wissenschaft, und einer unzerstörlichen Glückseligkeit begierig; sie zu befördern opferten sie Kräfte, Mühe, ihr Leben selbst auf. In uns liegen also ewige Wurzeln zu einem Baume der Wissenschaft, der Macht und des Glücks; Philosophie solle uns Weisheit, politische Einrichtung den Frieden, Religion innere Seligkeit geben; diese drei Dinge seyn nur Eins; sie könnten nie von ein­ander, nie vom Menschen gesondert werden, ohne daß er ein Mensch zu seyn aufhöre. Sie ziemten ihm allerwege und allenthalben. —

Jetzt zeigt Comenius, wie und wodurch alle drei verderbt seyn? Der Verstand werde von wenigen wenig gebraucht; der Wille unterliege den Begierden; man suche Reichthum, Ehre, Lust, Eitelkeiten, Schatten der Dinge; man suche sich außer‑ nicht in sich selbst. Man wisse nicht, was man wollen, thun, wissen solle; man theile sich in philosophische, politische Religionssecten; man streite, ohne einander zu überzeugen, und doch sei es das einzige Zeichen, daß man selbst weiß, wenn man andre überzeuget. Die Weisheit werde in Bücher gekerkert, nicht in der Brust getragen; unsre Bücher seyn also weise, nicht wir. Selten habe man bei der Wissenschaft einen wahren Zweck; man lerne, um zu lernen, oder noch zu thörichtern Absichten. Das Band der Sprache sei zerrissen; und noch habe keine einzige Sprache ihre Vollkommenheit erreicht. Die Gebrechen, deren er die Religion zeihet, führt er nur kurz und mit Bedauren an, da sie zu offen am Tage liegen. In der Politie meint er: nichts könne regieren, als das Rechte, niemand andre regieren, als der sich selbst zu regieren weiß. Menschen-Regierung sei die Kunst der Künste; ihr Zweck sei Friede. Mithin zeugen alle Kriege und Unordnungen der menschlichen Gesellschaft, daß diese Kunst noch nicht dasei; weder zu regieren, noch regiert zu werden wüßten die Menschen; von welchen Verderbnissen er sowohl die Ursachen, als die Schändlichkeit und den Schaden klar vorlegt. —

Von jeher, fähret er fort, sei das Bestreben der Menschen dahin gegangen, diesen Uebeln abzuhelfen; und zeigt mit grossem Verstande, sowohl was man bisher dazu gethan und auf welchen Wegen man's angegriffen habe, als auch weßhalb diese Mittel unhinreichend oder unwirksam geblieben. Indessen sei der Muth nicht aufzugeben, sondern zu verdoppeln. Manche Krankheiten tilge die Zeit; in der verdorbenen Menschheit sei der Trieb zu ihrer Verbesserung unaustilgbar, und auch in den wildesten Abwegen wirksam. Nur müsse die Menschheit ihr wahres Gute, so wie die Mittel dazu, ganz und rein kennen lernen; sie müsse von den Ketten böser Gewohnheiten befreiet werden, und nicht eher nachlassen, bis sie in einer Allgemeinheit zum Zweck gelange. Zu dieser Harmonie wirke selbst der Haß der Sekten, ihre bittre Verfolgungen und Kriege gegen einander in Wissenschaften, Religion und Regierungsanstalten; alles zeige, daß eine große Veränderung der Dinge im Werk sei. Ohne Uns könne diese Veränderung keine Verbesserung werden; wir müßten zu ihr und zwar auf bisher unversuchten Wegen, auf dem Wege der allgemeinen Einheit, Einfalt und einer freien Entschliessung (Spontaneität) mitwirken. Der Zweck der Einheit und allgemeinen Verbindung liege in unserm Geschlecht; nur durch Einfalt könne unser Verstand, Wille und Handlungsweise von ihren Verderbnissen loskommen; dahin wiese die einträchtige Norm unsrer gemeinen Begriffe, Fähigkeiten und Instincte; mittelst dieser, und dieser allein käme man ohne alle Sophisterei zum reinen Gute der Wahrheit. Freiheit des Willens endlich sei der Charakter des Göttlichen in uns; Gott zwinge nicht, und wolle nicht, daß Menschen gezwungen, sondern gelehrt, geleitet, unterstützt werden. So weit wir vom Wege der Einigkeit, Einfalt und Sinnesfreiheit abgewichen seyn: so sei eine Rückkehr dahin möglich, sobald wir uns nur vornähmen, ohne Ausschliessung Alles, für Alle, auf alle Art und Weise zu verbessern. In diesen drei Worten liege das ganze Geheimniß: (omnia, omnibus omnimode esse emendanda) denn alle bisherige Vereitelung guter Bemühungen sei blos daher gekommen, daß man nicht Alles, nicht für Alle, nicht auf alle Weise habe verbessern wollen, sondern zurückbehalten, geschont, geschmeichelt und dadurch das Böse oft ärger gemacht habe. Das Studium zu particularisiren sei die ewige Grundlage der Verwirrung; jeder rathe, sorge für sich, für alle niemand. Man schaue gewöhnlich auch nicht rings umher, sondern dieser auf dies, jener auf jenes; dafür sei er entbrannt, und vergesse, hindere, verachte alles andere. Am wenigsten habe man den ganzen Apparat von Kräften und Mitteln angewandt, dessen die Menschheit fähig ist, ja den sie wirklich im Besitz hat. Sehr ernstlich begegnet Comenius den Einwürfen, daß eine allgemeine Verbesserung unmöglich sei, und ein Unternehmen der Art zur Zerstörung aller bisherigen Einrichtungen gereichen würde. Möglich sei sie allerdings; das zeigte die Haushaltung der Natur, der Begrif[f] der Kunst, die Identität der Menschheit; auf dem Wege der Einfalt werde man die Möglichkeit einer solchen Verbesserung wohl finden: denn sie liege allenthalben vor uns, und die Einfalt selbst sei das wirksamste Gegengift aller Verwirrung. Auch den freien Willen der Menschen glaubt Comenius auf seiner Seite zu haben, sobald man sie nur nicht täuschte, sondern in Allem für Alle rein sorgte. Nichts als das Schlechte würde zerstört; nur das Ueberflüßige würde hinweggethan; das Gute bliebe, mit unendlich vielem, neuen Guten vermehrt, verstärkt, vereinigt. Hiezu ladet er nun in der einfältigsten Herzenssprache die Menschen ein; der Bischof spricht zur gesammten Menschheit, wie zu seiner Gemeine. —

Glauben Sie nicht, daß dergleichen Utopische Träume, wie man sie zu nennen pflegt, Nutzlos seyn: die Wahrheit, die in ihnen liegt, ist nie Nutzlos. Dem Comenius konnte man sagen, was der Cardinal Fleury dem St. Pierre sagte, da dieser ihm sein Project des ewigen Friedens und des Europäischen Reichstages überreichte: "Ein wesentlicher Artikel ist darinn vergessen, die Missionarien nämlich, die das Herz der contrahirenden Fürsten zu diesem Frieden und zu diesem Reichstage disponiren"; allein wie St. Pierre sich bei seinem Projekt auf den großen Missionar, die allgemeine Vernunft, und ihre Dienerin, die Zeit, oder allenfalls die Noth verließ; so wahrscheinlich auch Comenius. Er schrieb eine Consultation, (ich weiß nicht, ob er sie umhergesandt habe) die sogar erst dreissig Jahre nach seinem Tode gedruckt ward.*) Da sie wenige Bogen enthält, wünschte ich, daß sie übersetzt erschiene, wenn auch nur zum Zeichen, wie anders man damals über die Verbesserung der Dinge schrieb, als man jetzt zu schreiben gewohnt ist. Fromme Wünsche der Art fliegen nicht in den Mond; sie bleiben auf der Erde, und werden zu ihrer Zeit in Thaten sichtbar. Es schweben nach Ariosto’s schöner Dichtung immerdar einige Schwäne über dem Fluß der Vergessenheit; einige würdige Namen erhaschen sie, ehe diese hineinsinken, und schwingen sich mit ihnen zum Tempel des Andenkens empor [...].

*) Comenii hist. fratrum Bohemorum: accedit Ej. Panegersia, de rerum humanar. emendatione, edid. Buddeus Halae 1702. Rieger in seiner Geschichte der Böhmischen Brüder führt an, daß in der Waisenhausbibliothek zu Halle noch mehrere Handschriften von Comenius daseyn sollen; wären nicht einige davon für unsre politisch-pädagogische Zeiten des Drucks werth? A.d.H.

 

In: Reinhard Golz, Werner Korthaase, Erich Schäfer (Hg.): Comenius und unsere Zeit.

Baltmannsweiler: Schneider Verlag 1996, S. 201-206. Dort ungekürzt und ausführlich

 kommentiert. Aus: „Briefe zu [!] Beförderung der Humanität. Herausgegeben von

J. G. Herder, Fünfte Sammlung. Riga, 1795. bei Friedrich Hartknoch“.