Zur Bedeutung des Werkes von J. A. Comenius
für Wissenschaft, Bildung und internationale Verständigung
Über eine Enquete
Von Reinhard Golz, Magdeburg
Die UNESCO hat die Schirmherrschaft über das Projekt der Deutschen Comenius-Gesellschaft (DCG), eine zwölfbändige Comenius-Werkausgabe in deutscher Sprache herauszugeben, übernommen. Damit rückt die Beseitigung eines unzumutbaren Zustandes auf dem Gebiet der Comeniologie in greifbare Nähe. Es wurden von der DCG 128 Gutachten eingeholt. Da es um eine Werkausgabe in deutscher Sprache geht, ist es nicht verwunderlich, dass sich die deutschsprachigen Gutachter in der Überzahl befinden, aber um so erstaunlicher und erfreulicher ist die Tatsache, dass neben den 70 deutschen auch 58 Gelehrte aus weiteren 22 Ländern befragt werden konnten. Dabei handelt es sich um Wissenschaftler aus Argentinien, Belgien, Brasilien, Dänemark, England, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Korea, Mexiko, den Niederlanden, Österreich, Polen, Russland, Schweden, der Schweiz, Tschechien, Ungarn, den USA und Venezuela.
Eine derart repräsentative Befragung von internationalen Experten auf den verschiedensten Gebieten der Comeniologie bzw. anderer mit Comenius befasster Wissenschaften und Wissensgebiete sucht wohl ihresgleichen, obwohl es auch schon frühere Versuche in dieser Richtung gab. Die hier zu kommentierende, im Jahre 2000 abgeschlossene Befragung stand nach dem Wegfall der Systemgrenzen einerseits unter völlig veränderten internationalen Rahmenbedingungen, andererseits ergab sich aufgrund neuerlicher, vorrangig in ethnischen Konflikten begründeter, kriegerischer Auseinandersetzungen die Pflicht, die Hauptzielrichtung des Lebens und Werkes von Jan Amos Comenius erneut zu problematisieren, wollte er doch Kriege und Gewalt überflüssig machen. Diesen Zusammenhang betonen die meisten Gutachter unabhängig von ihrer jeweiligen Fachspezifik. „Jeder muss heute dringend die comenianische Idee kennenlernen, dass alle Menschen auf der Welt in Frieden zusammenleben sollten“, schreibt z.B. Frau Reiko Sato (Japan); diese Idee entspreche „genau der Idee der UNESCO“ (Gutachten [künftig: GA] Sato).
Die Erziehungswissenschaftler unter den Gutachtern verweisen in diesem Kontext besonders auf Comenius´ Ziel, eine auf Gewaltfreiheit und Dialog orientierte Pädagogik, eine irenische bzw. „Friedenspädagogik“ zu schaffen, um so zur Völkerverständigung beizutragen (vgl. zu diesem Problemkreis z.B.: GA Araújo [Salvador, Bahia, Brasilien]; Kühlmann [BRD]; Scarbath [BRD]; Scheuerl [BRD]). Oftmals wird Comenius als der erste Europäer, seine Pädagogik als erster Entwurf einer Europa-Pädagogik betrachtet (vgl. z.B. GA Carlsburg [BRD]; Grimm [Österreich]; Keim [BRD]; Pöggeler [BRD]). Diese und andere überzeitliche Zielstellungen prägen die Interpretationen des comenianischen Werkes, dazu gehört ebenso die Idee einer naturgemäßen und umweltbewussten Bildung und Erziehung (vgl. GA Araújo).
Fast in jedem Gutachten werden die geographischen Dimensionen des Wirkungskreises von Comenius angesprochen, die Bedeutung seiner Lebenserfahrungen und seines Werkes als Brücke zwischen den Völkern. Und immer wieder wird auch gefordert, eine westlich orientierte Einseitigkeit der geistig-kulturellen Blickrichtung zu überwinden und z.B. Tschechien, die Slowakei, Polen, Ungarn usw. als zentraleuropäische Kulturen zu begreifen (vgl. GA Pöggeler [BRD]). Die Herausgabe der Werke des Comenius könnte — so schreibt Rudolf Vierlinger (Österreich) — „zu keinem besseren Zeitpunkt geschehen als in den Jahren, da Tschechien, sein Geburtsland, Polen, das ihm ein erstes Asyl gewährt hat, Ungarn und Rumänien, in denen er einige Zeit gewirkt hat, über die Schwelle der Europäischen Union treten werden“ (GA Vierlinger). Das Werk des Comenius ist für viele Gutachter nicht nur repräsentativ für die europäische, sondern auch für die Weltkultur, es habe keineswegs nur historische, sondern in vieler Hinsicht auch erstaunlich aktuelle Bedeutung.
Von vornherein soll und kann es bei einer nur 12-bändigen Comenius-Werkausgabe nicht um die Betonung einzelner Facetten des Wirkens dieses Universalgelehrten und um die Befriedigung spezifischer Forschungsinteressen gehen. Diese Ausgabe soll vielmehr gerade die angesprochene Universalität widerspiegeln. Deshalb war die an die Gutachter gerichtete Fragestellung bewusst weit gefasst und wenig strukturiert. Dadurch war es möglich, sowohl die jeweilige Disziplin, das jeweilige fachspezifische Erkenntnisinteresse zu formulieren als auch die disziplin- und zeit-übergreifenden Aspekte dieser Fragestellung zu berücksichtigen. Für fast jeden der befragten Experten bzw. Gutachter war etwas anderes wichtig an Comenius, andererseits gab es auch viele Übereinstimmungen.
Schon für Dmitrij Tschizewskij (1894-1977), einen der bedeutendsten Comeniologen, war es in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ein Skandal, dass es noch keine deutsche Übersetzung des Gesamtwerkes von Jan Amos Comenius gab (vgl. GA Schalich [BRD]). Es erscheint auch heute als ein beklagenswerter Zustand, dass die Werke dieses Gelehrten von Weltrang noch nicht in angemessener Weise in deutscher Sprache dem Studium zugänglich gemacht wurden. Bekannt ist die verdienstvolle editorische Arbeit tschechischer Comeniologen, die an einer auf etwa 60 (!) Bände konzipierten Comenius-Werkausgabe arbeiten. Doch, so fragen viele Gutachter, wer versteht außerhalb Tschechiens und der Slowakei die tschechische Sprache, und wer ist heute noch in der Lage, Latein wissenschaftlich zu nutzen? Diejenigen, die diesen Aspekt in ihr Gutachten einbezogen, verwiesen mehrheitlich darauf, dass Deutsch auch in anderen Ländern als Wissenschaftssprache besonders im geisteswissenschaftlichen Bereich dient, und dass gerade eine deutsche Comenius-Ausgabe in vielfältiger Hinsicht auch international nutzbar wäre. In diesem Sinne äußerten sich insbesondere Gutachter aus den Niederlanden, aus Schweden, dem Baltikum, aus osteuropäischen Ländern, aber z.B. auch aus Japan und Korea. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Meinung von Altphilologen und vergleichenden Linguisten, dass sich durch die deutsche Ausgabe von Comenius-Texten neue Aufgaben und Anregungen für den deutsch-lateinischen, aber auch den deutsch-tschechischen Sprachvergleich ergeben würden (siehe z.B. GA Fritsch [BRD]). Die Notwendigkeit einer deutschen Comenius-Werkausgabe wurde also nicht nur von deutschen Gutachtern besonders betont. Eine deutschsprachige Ausgabe könnte — so die einhellige Meinung - nicht nur zur Festigung der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit, sondern in einem weiteren Kontext auch zur Normalisierung der deutsch-slawischen Beziehungen beitragen. Das Studium des Lebens und Werkes des tschechischen, slawischen und europäischen Pädagogen, Theologen, Philosophen und Sprachwissenschaftlers Comenius, dieses letzten Universalgelehrten, könnte ebenso helfen, den (westlichen) Blick zu öffnen für die historischen Leistungen und Entwicklungen in der östlichen Kultur- und Bildungswelt (siehe zu diesem Kontext z.B. GA Schalich, Scheuerl, R. Schmidt [alle BRD]). Auch Wolfgang Brezinka (BRD) ist davon überzeugt, dass eine kommentierte deutsche Comemius-Werkausgabe auf der Grundlage der tschechischen kritischen Gesamtausgabe „für die deutschsprachigen Forscher und Studierenden ein großer Gewinn“ wäre (GA Brezinka).
Es gibt sowohl unter den deutschen, wie auch unter den ausländischen Experten nicht wenige, die gleichzeitig anregen, die Comenius-Werke in möglichst viele Sprachen der Welt zu übersetzen, zumindest aber in die als Weltsprachen geltenden. Mit der Übersetzung in möglichst viele (Welt-)Sprachen wären diese Werke nicht nur einem kleinen Expertenkreis verfügbar, sondern auch „all jenen, denen das Entstehen einer weltweiten Zivilgesellschaft ein Anliegen ist und deren Hoffen sich auf weltweiten Frieden richtet“ (GA Voigt [BRD]). Dies sind zweifellos interessante und angesichts der durch Migrationprozesse der Gegenwart und Zukunft erforderlichen Mehrsprachigkeit höchst aktuelle Gesichtspunkte.
Fast alle Gutachter haben sich mit dem Problem der „Aktualität“ des Werkes von Comenius beschäftigt. Damit werden kontrovers diskutierte Fragestellungen erneut aufgeworfen: Kann man überhaupt aus der historischen Entwicklung einer Wissenschaft — nehmen wir hier die Geschichte der Pädagogik - einen Nutzen für gegenwärtige Problemlösungsstrategien ziehen? Anders gefragt: Kann man aus der Geschichte lernen und einen Standpunkt gewinnen, der – im Sinne Diesterwegs - über den Augenblick hinausreicht, und ist ein solcher Standpunkt überhaupt erreichbar ohne die historische Gebundenheit dieses Augenblicks?
Das Gutachten von Josef Thonhauser (BRD) sei hier in einer längeren Passage zitiert. Er schreibt, dass hinter der Rekonstruktion der Geschichte pädagogischer Theorien nicht bloß ein antiquarisches Interesse steht, „sondern auch — wenngleich nicht uneingeschränkt — die Überzeugung, aus der Beschäftigung mit der Geschichte für die Lösung gegenwärtiger Probleme lernen zu können: durch die Erweiterung des Bewusstseins darüber, worin die Probleme bestehen, wie sie verstanden sind und wohin sie sich unter welchen Einflüssen im Laufe der Zeit entwickelt haben; durch den Blick auf beispielhafte Lösungsversuche; durch die Möglichkeit zu ermessen, wo Traditionen das Denken und Handeln behindert haben, wie Spielräume gefunden oder geschaffen werden konnten, wo Beschränkungen als zeitbedingt erkannt und überwunden wurden.“ Es sei ein Leichtes, die Gedanken des Comenius „heute genauso gültig erscheinen zu lassen, wie sie zu seiner Zeit als kühn und weit in die Zukunft ausgreifend erschienen sind: seine Realutopie des dauerhaften Friedens; die Forderung nach Unterricht für alle (Knaben und Mädchen, Stadt- und Landkinder, Reiche und Arme); die — aufsteigend zu denkende — Rangfolge seiner allgemeinen Erziehungsziele (Frömmigkeit, Tugend, Bildung); sein Plädoyer für ein gutes Schulklima, wie wir heute sagen würden, anstelle von Angst erzeugendem Drill; sein Eintreten für den Bezug schulischen Lernens zur Lebenswelt der Kinder und für das Prinzip der Anschaulichkeit, das in seinen Lehrbüchern einen bis heute viel beachteten Niederschlag gefunden hat.“ (GA Thonhauser)
Diese eher direkten Bezugnahmen auf die comenianische Pädagogik scheinen allerdings im Widerspruch zu stehen zu einem weitgehend ahistorischen „Postmodernismus“, der zwar durchaus ernstzunehmende Kritiken an die „moderne“ Pädagogik richtet und auch in den Orientierungs- und Transformationsprozessen der 90er Jahre einen Aufschwung erfahren hat, dessen dauerhafte Lebensfähigkeit sich aber erst noch erweisen muss. Andererseits beobachten wir gerade in der Auseinandersetzung mit dem Postmodernismus eine bewusste und direkte Hinwendung vieler Pädagogen zur Geschichte ihres Faches. Auch durch einige Gutachter wird dieses Spannungsverhältnis thematisiert.
„Unsere postmoderne, tief in ihren Labyrinthen verstrickte Gesellschaft“, so schreibt Jan Kumpera (Tschechien), könnte aus der geistigen Welt des Comenius „nicht nur pädagogische Erkenntnisse, sondern vor allem auch wichtige Impulse für eine Versöhnung der Völker, Staaten und Religionen im Sinne humanistischer Toleranz empfangen“ (GA Kumpera). Nach Karl Ernst Nipkow (BRD) befinden sich die modernen Wissenschaften „in einem Paradigmenwechsel, einem notwendig gewordenen Übergang zu Mustern ‚ganzheitlichen‘ bzw. ‚vernetzten‘ Denkens, ohne hierbei in einen diffusen Postmodernismus verfallen zu dürfen“. Einerseits sei Comenius auf eigentümliche Art ein „vormoderner Denker auf Grund seiner pansophisch-theologischen Gesamtschau, ferner zugleich ein die Moderne durch die Erkenntnisquellen der ‚Natur‘ und der ‚Vernunft‘ (neben der Bibel) frühaufklärerisch mitbefördernder neuzeitlicher Geist und gerade wegen dieser Zwischenstellung drittens ein Wegweiser zur Wiedergewinnung verloren gegangener Zusammenhänge ohne Preisgabe der Wahrheitsfrage (das theologisch-spekulative Erbe), letzteres die bleibende Voraussetzung für einen präzisen Postmodernismus im Sinne einer ‚transversalen Vernunft‘ (Wolfgang Welsch).“ (GA Nipkow) Die Gutachter äußern sich also aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Positionen, Lebensentwürfen und -erfahrungen; dennoch einigt sie offensichtlich eine eher kritisch-distanzierte Haltung zum Postmodernismus und die Überzeugung, dass das Projekt moderner, aufklärender Pädagogik keineswegs gescheitert sei.
Wenn heute das „Ende der Moderne oder deren Transformation gefordert wird“, so Jörg Ruhloff (BRD) in seinem Gutachten, dann verdienen „Comenius´ Zweifel am Rationalitätsverständnis der sich formierenden Moderne [...] gesteigerte Beachtung“. Erwin Schadel (BRD) ist davon überzeugt, dass „in der derzeitigen geistigen Situation mit monistischem New Age-Denken und pluralistischem Postmodernismus [...] die Comenius-Werkausgabe unzweifelhaft dazu beitragen (wird), wirksame Orientierungshilfen zu bieten“. Das Selbst- und Wirklichkeitskonzept des Johann Amos Comenius sei als eine bemerkenswerte Alternative zum „Entweder oder Oder“ in den verschiedensten Bereichen fruchtbar zu machen (vgl. GA Schadel).
Der schon genannte Jan Kumpera schreibt in diesem Zusammenhang, dass Comenius´ Ideen im 17. Jahrhundert viele Intellektuelle ansprachen, ihre Anziehungskraft sei auch an der Wende zum neuen Millenium noch immer vorhanden. Sein Wirken „zugunsten einer Verbesserung der menschlichen Dinge entsprang seiner Gewissheit vom Wesen des Menschen als eines Gestalters und Pflegers der göttlichen Weltschöpfung“ (GA Kumpera).
Bohumila Sampaio de Araújo fragt: „Woher kommt all dieses Interesse für einen Denker, der von unserem hic et nunc durch vier Jahrhunderte getrennt ist? Woher kommt diese Faszination, die sein Denken bis heute auf uns ausübt?“ Ihre Antwort: „Es ist hier wohl seine unglaubliche Dialogizität anzuführen, was deutlich wird, wenn wir uns daran erinnern, dass viele Ideen dieses Denkers in Brasilien einen projektiven Charakter haben, denn der Demokratisierung der Erziehung, der Chancengleichheit für alle — omnes omnia omnio — kommt höchste Aktualität in einem Land zu, in dem 1999 noch immer 15 Millionen Analphabeten sind, das sind 16 % der Bevölkerung!“ In Brasilien sei das Studium der comenianischen Ideenwelt wertvoll, nicht nur als Teil der Geschichte der Pädagogik, sondern auch als „lebendige Inspirationsquelle für neue Projekte und Untersuchungen“ (GA Araújo). Was in westeuropäischen Gefilden möglicherweise (und in gewisser Weise wohl auch berechtigt) als überschwängliche ahistorische Erwartung an die Nutzbarkeit der Erkenntnisse Historischer Pädagogik im Kontext der pädagogischen Comeniologie gewertet werden könnte, erhält anderswo offensichtlich eine andere Dimension und Funktion.
Folgendes dürfte unstrittig sein: Wenn Menschen aus der Geschichte (z.B. der Geschichte der Pädagogik) nichts gelernt haben, heißt das nicht, dass sie nichts hätten lernen können, und heißt das nicht, dass wir heute aus der Geschichte nichts lernen können. Doch wenn wir aus der Geschichte lernen können, dann müssen wir es aus ethisch-moralischen und schließlich auch aus rationalen Gründen tun, dann wird es zum kategorischen Imperativ pädagogischen Denkens und Handelns.
Wir haben uns an anderer Stelle bereits im Kontext einer Interkulturellen Pädagogik mit dem Verhältnis von Kulturuniversalismus und Kulturrelativismus beschäftigt (vgl. Golz 1999). Dabei waren wir zu der Schlussfolgerung gelangt, dass nur Lösungsstrategien in Richtung eines toleranten, aufgeklärten bzw. gemäßigten Kulturrelativismus eine Chance für eine sinnvolle Diskussion über nationale und internationale Bildungstraditionen und -werte sowie über deren Bewahrung und Entwicklung bieten können. Auch einige Gutachter greifen dieses Problem auf, wenn sie sich mit dem Begriff der „Universalität“ in den Auffassungen von Comenius befassen.
Für Gottfried Bräuer und Karl Schneider (BRD) z.B. ist die Comenius-Werkausgabe ein „nicht zu unterschätzender Beitrag zur Verständigung [...] innerhalb eines Zukunftshorizonts, der über alle ethnischen Partikularitäten hinausweist“ (GA Bräuer/Schneider). Dagmar Čapkova (Tschechien) verweist darauf, dass Comenius mit seinem Prinzip der Universalität nicht nur die „Rückkehr des einzelnen Menschen zu Gott“, sondern auch ein „Rückkehren zur Gegenseitigkeit und Solidarität“, zur Toleranz meinte. „Toleranz hieß für den universalistischen Denker Comenius dabei in keinem Fall, von der Wahrheitssuche abzulassen. Er verabscheute Lüge und Heuchelei, Verrat und die Unterjochung anderer, Schwächerer...“ Er habe auf die Verwirklichung der großen Welteinheit aller Menschen gesetzt, was auch in folgendem Zitat zum Ausdruck komme: „Einen Menschen hassen, weil er anderswo geboren ist, weil er eine andere Sprache spricht, weil er anders über die Dinge denkt, weil er mehr oder weniger als du versteht, welche Gedankenlosigkeit! Lassen wir ab davon. Denn wir sind alle Menschen, also unvollkommen, uns allen muss geholfen werden.“ Eine derartige Zielsetzung sei am Beginn des neuen Jahrtausends für die Menschheit keineswegs obsolet, und eine Auseinandersetzung mit Comenius sei eine lohnende aktuelle Aufgabe (vgl. GA Čapkova)
Eine ernsthafte historisch-kritische Auseinandersetzung muss freilich auch die dem Comenius-Werk immanenten Widersprüche problematisieren. In diesem Kontext hinterfragt Meinert A. Meyer (BRD) einige Auffassungen des Comenius, z.B., „dass man zur Frömmigkeit erziehen könne, dann auch noch zur Tugend und drittens, in dieser Rang- und Reihenfolge, zur Weisheit und zum Wissen.“ Moralische Erziehung sei aber doch nur erfolgreich, „wenn sie als moralische Selbstbestimmung ermöglicht wird, und ob man zur Frömmigkeit erziehen kann, das mag fast niemand zu diskutieren in unserer säkularisierten Welt. Comenius war als barocker Pansophos ferner davon überzeugt, alle alles allseitig (omnes omnia omnino) lehren zu können, während wir uns heute zunehmend hinsichtlich der Frage verunsichert fühlen, was wir denn in einer Zeit der Begrenzungen überhaupt noch lehren dürfen, ohne in schlechten Dogmatismus zu verfallen.“ Dennoch sei klar, dass Comenius auch heute „unvermindert interessant und aktuell als unerschütterlicher Visionär im durch Kriege zerstörten Europa“ sei. Er könne uns helfen „trotz all unserer Ungewissheiten, [...] nicht derart, dass wir seine Position übernehmen, das wäre schlechter Historismus, sondern dadurch, dass wir unsere eigene Position finden im Wissen der Position, die Comenius in schwierigster Zeit vertreten hat.“ (GA Meyer)
Fritz März (BRD) ist ein weiterer kritischer Fragesteller, was aber auch ihn nicht hindert, die Comenius-Werkausgabe wärmstens zu begrüßen: So sehr sich auch die Argumente des Comenius „zur Begründung seines Erziehungsoptimismus widersprechen mögen, so sehr ihm erkenntnistheoretische Ungereimtheiten unterlaufen mögen, [...] so wenig vermag all dies seinen Beitrag zu einer neuen und positiven Bewertung der Erziehung des Menschen zu schmälern, zu einer Einschätzung der Erziehung, die in der Überzeugung wurzelt, dass der Mensch lernfähig und erziehbar ist, und dass diese Anthropina allen Menschen eigen sind.“ (GA März)
Die Gutachten machten deutlich, dass „Comenius“ keinesfalls nur eine Angelegenheit einer geisteswissenschaftlichen, sondern auch der gegenwärtig mehr sozialwissenschaftlich orientierten (Historischen) Pädagogik sowie der historischen und pädagogischen Anthropologie ist. Guido Pollak (BRD) schreibt, dass gerade aus kritischer sozialwissenschaftlicher Perspektive an den drohenden Verlust der humanistischen Perspektive jeglicher Erziehungs- und Bildungstheorie erinnert werden müsse, „ein Verlust, welcher durch die gegenwärtig (erneut) betriebene Ökonomisierung von Bildung und Ausbildung befördert und durch Formeln wie Globalisierung, Effektivierung, Evaluation usw. nur schlecht kaschiert wird.“ (GA Pollak)
Mit dem Begriff der Globalisierung und den damit verbundenen Tendenzen, Chancen und möglichen negativen Folgen beschäftigen sich mehrere Gutachter. In diesem Kontext wird, wie z.B. durch Maria Esther Aguirre Lora (Mexiko), auf eine gegenwärtige planetare Werte-Krise, das Zerbrechen von Paradigmen, Instabilität und Unsicherheit in allen Bereichen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Transformation verwiesen (vgl. GA Aguirre Lora). Und die brasilianische Gutachterin Bohumila Sampaio de Araújo sieht es so: „Unser Planet Erde durchlebt derzeit eine gefährliche Krise, die durch Gewalt gekennzeichnet ist, durch rassistische Vorurteile, Fragmentierung des Erkennens wie auch der Menschen, durch Egoismus und Aggressionen.“ Am Beginn des dritten Jahrtausends würden auch in der Pädagogik neue Tendenzen zu Tage treten, z.B. „die ganzheitliche Betrachtungsweise, die Globalisierung, die Friedens- und Umwelterziehung“. Die Ideen von Comenius könnten hier verbindende Brücken darstellen, vor allem seine „synkritische Methode“ sowie seine „Auffassung vom Menschen als eines integralen Bestandteils des Universums“ (GA Araújo).
Viele Gutachter plädieren aus ihrer spezifischen beruflichen Sicht und Erfahrung als Hochschullehrer für die Comenius-Werkausgabe. Dabei geht es den Erziehungswissenschaftlern unter ihnen nicht nur um eine neue kritische Ausgabe der bereits bekannten Werke, z.B. der „Großen Didaktik“, der „Allgemeinen Beratung“, der „Mutterschule“ oder des „Orbis Pictus“. Es gehe auch nicht nur um weitere, vereinzelt zwar publizierte, aber nicht problemlos verfügbare Werke, sondern um das Gesamtwerk in repräsentativer Auswahl. Die Neuveröffentlichung bereits bekannter Arbeiten von Comenius sollte, so Jürgen Oelkers (Schweiz) in seinem Gutachten, mit neuen wissenschaftlich-kritischen Kommentaren versehen werden. Besondere Erwartung wird aber auch hinsichtlich der bisher in deutscher Sprache noch nicht bekannten Arbeiten gehegt; Arbeiten, die eine Erneuerung und Intensivierung der Comenius-Rezeption bewirken würden. Die Veröffentlichung seiner bisher in deutscher Sprache nicht bekannten Werke wird — davon ist Dietrich Gerhardt (BRD) überzeugt — deutlich machen, „dass dieser pansophische Geist die Tür zu weit mehr Wörtern und Sachen öffnet, dass ein Mann von einem Posten zwischen und über den Nationen zu uns als Menschen spricht, die im Begriff sind, sich in neuen, großen Gemeinschaften zusammenzufinden. [...] Es ist ihm und uns zu gönnen, dass er nun bald mit uns in unserer Muttersprache reden kann, denn wir alle werden noch viel von ihm lernen.“ (GA Gerhardt)
Es ist hier nicht annähernd möglich, alle wesentlichen Aspekte der Gutachten zu nennen. Alle in diesem Band abgedruckten Gutachten bergen eigene, vorwärts weisende Ideen und Impulse, die nur durch die direkte Lektüre erfasst werden können. Die Beiträge der 128 Comenius-Experten und der an seinem Werk interessierten Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Gesellschaft widerspiegeln gleichsam Hauptprobleme, Hoffnungen und Aufgaben der Comeniologie am Beginn des 21. Jahrhunderts.
Unter den prominentesten Gutachtern befindet sich auch der 100jährige (!) Hans-Georg Gadamer (BRD). Es sei gestattet, seine persönlich gehaltene Wortmeldung hier anzuschließen: „Es ist für mich eine große Genugtuung, wenn einer der bedeutendsten Funde meines verstorbenen Freundes Tschižewskij nun auch in Deutschland im Zusammenhang mit der tschechischen Herkunft seines Verfassers veröffentlicht werden wird. Es ist aber auch ein großes Verdienst all derer, die eine weitere Verbreitung des Hauptwerkes von Comenius gefördert haben und ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Ich wünsche einen guten Fortgang der Arbeit und unterstreiche im Besonderen, dass solche Dinge der einheitlichen Kultur Europas über alle Sprachgrenzen hinweg einen Schritt vorwärts bedeuten. Es ist mir auch eine Freude, damit meine eigenen freundschaftlichen Beziehungen zur Karlsuniversität von Prag fortzusetzen.“ (GA Gadamer)
[Die Gutachten sind beim Verfasser und über die Geschäftsstelle der
Deutschen Comenius-Gesellschaft (Frau Beate Motel,
Richardstraße 80, D-12043) erhältlich]