Prodromus Pansophiae, Vorläufer der Pansophie

 

Johann Amos Comenius

 

1. Dass die Weisheit, die für Aristoteles das Wissen um viele wunderbare Dinge ist, für Cicero aber die Erkenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge sowie der Ursachen, durch die sie im Zusammenhang stehen, für Salomon schließlich die alles lehrende Meisterin aller Dinge, von altersher in hohen Lobreden gefeiert worden ist, kann denen nicht unbekannt sein, die sich des Strebens nach Weisheit befleißigen. „Sie ist kostbarer als alle Schätze“, sagt der Weiseste der Sterblichen, „und alles, was man ersehnt, kann mit ihr nicht verglichen werden. Die Länge der Tage liegt in ihrer Rechten, und in ihrer Linken Reichtum und Ruhm. Ihre Wege sind schöne Wege und alle ihre Pfade friedlich. Das Holz des Lebens haben jene, die sie sich aneignen, und die sie besitzen, sind glücklich (Sprüche Sal. 3, 15 f.). Cicero aber sagt: „Ein vortrefflicheres Gut ist dem Menschengeschlecht weder gegeben noch wird ihm eines gegeben werden.“ Horaz dagegen äußert sich so: „Kurz und gut, der Weise steht nur hinter Jupiter zurück: er ist reich, frei, geehrt, schön und schließlich der König der Könige.“

3. Daher haben die erlesensten Menschen zu jeder Zeit die Sorge um vergängliche Dinge wie Reichtum, Vergnügen und Ehren zurückgestellt und ihre Gedanken, Wünsche und Bestrebungen darauf gerichtet, der Betrachtung der Dinge hingegeben, alles zu erfassen, was geistig erfasst werden kann, um auf diese Weise die Welt sich untertan zu machen. Derartige Menschen sind in der übrigen Menschenmasse in Wahrheit das, was das Geschenk der Weisheit selbst unter den anderen den Menschen beschiedenen Gütern ist: die glänzendsten Edelsteine, vielmehr die Gestirne, welche den Nebel der irdischen Finsternis zerstreuen. Dankbar muss man also das Werk der göttlichen Barmherzigkeit anerkennen, nicht nur, dass sie die Schau ihrer Weisheit in der Natur und in der Hl. Schrift uns eröffnet hat, sondern uns auch mit den Werkzeugen, diese zu schauen und das Licht der Weisheit zu sammeln, Verstand und Vernunft, und ihrer göttlichen, die Mängel von Verstand und Vernunft ergänzenden Offenbarung bedacht hat. Aber auch das verdanken wir der göttlichen Wohltat, dass die wissenschaftlichen Bestrebungen, durch die jenes Trachten nach Weisheit gehegt und von anderen auf uns übertragen wird, sich bis auf unser Zeitalter erhalten haben, vielmehr in unserem Jahrhundert zu einer Blüte kommen wie vorher nirgends. Daher gefällt sich unser Jahrhundert in dem nicht unverdienten Ruhme der Bildung und beglückwünscht sich dazu; und Hoffnung auf noch größeres Licht strahlt uns entgegen.

8. Lasst uns aber sehen, ob der gewohnte Studienbetrieb dies auch so leistet, damit man leichter den Gedanken an eine Verbesserung fassen könne. Die Bildung nämlich — so lauten die zahlreichen Klagen vieler —, von der jetzt die Schulen strotzen und die man öffentlich ankündigt, ist eine in Anbetracht der Kürze des flüchtigen Lebens reichlich lange, für das bescheidene Maß gewöhnlicher Begabungen mühevolle, im Verhältnis zur Ansehnlichkeit der Dinge zu enge und für die Feinheit und Gediegenheit der Wahrheit der Dinge in vielfacher Hinsicht mangelhafte und schwache Sache. Die Weiseren haben auch bemerkt, dass sie ihrem Zwecke nicht ganz entspreche, viel­mehr nur selten zu einem gediegenen Nutzen für das Leben komme und meistens auf bloße Meinungen, Streitigkeiten und leeren Dunst hinauslaufe. Dass dies alles nicht als bloßes Gerede gesagt wird, sondern durchaus so ist, müssen wir beweisen, bevor wir zur Aufspürung der Heilmittel kommen: dass nämlich die auf Weisheit gerichteten Studien, wie sie derzeit aufge­zogen sind und in den Schulen gelehrt werden, in keinem Verhältnis stehen 1. zu unserem Leben, wegen ihrer großen Länge, gemäß dem bekannten Spruch: die Kunst ist lang, das Leben kurz, 2. zu unserer Begabung, wegen ihrer Schwierigkeit, 3. zu den Dingen selbst, wegen des häufigen Irrens, 4. zum Nutzen für das Leben, wegen der üblichen Fremdheit des übermittelten Stoffes gegenüber den Vorgängen des Alltagslebens, 5. zu Gott selbst, wegen des Fehlens einer Unterordnung aller Dinge, wie sie zu diesem auf die Ewigkeit gerichteten Ziel so recht passen würde.

9. Den Beweis für die große Länge entnehme ich erstens dem gemeinsamen Eingeständnis aller. Denn wer sänge nicht das Lied des Hippokrates: kurz ist das Leben, lang die Kunst? Zweitens dem großen Umfang der Bücher, in denen die Dinge geschrieben stehen. Guter Gott, welch wüste Bände sind fast über jedes einzelne Stoffgebiet angelegt! Zusammengetragen, würden sie so riesige Haufen ergeben, dass es eine Arbeit von Jahrtausenden wäre, sie bloß aufzuschlagen. Drittens lehrt die Sache selbst, dass die einzelnen Doktrinen über das Maß der Aufnahmefähigkeit hinaus ausgebreitet sind. Könnte man doch unter so vielen Gebildeten, von denen die Welt voll ist, kaum jeden hundertsten oder sogar tausendsten finden, der von einer Gesamtbildung auch nur gekostet hätte und von allem, was in den Werken Gottes oder auch in den menschlichen Dingen begegnet, etwas in vernünftiger Weise vorbringen könnte. So selten sind Allweise und allseitig Gebildete, dass auch vielseitig Gebildete und Polyhistore für ein Wunder angesehen werden. Davon kommt jene allgemein übliche Zerstückelung der Bildung, dass nämlich dieser oder jener sich diese oder jene Kunst oder Wissen­schaft auswählt, alle übrigen aber nicht einmal von der Schwelle her grüßt. Man kann Theologen finden, welche die Philosophie kaum eines Blickes gewürdigt haben, und wieder Philosophen, welche die Theologie gar nicht berücksichtigen. Rechtsgelehrte werden meistens von keiner Sorge um die Dinge der Natur berührt, und Ärzte wieder kümmern sich nicht um die Entscheidungen von Recht und Billigkeit. Jede Fakultät errichtet sich selber ein abgesondertes Reich ohne gemeinsame sichere und unerschütterliche Grundlagen und Gesetze, die alle in gleicher Weise verbinden würden. Aber auch in der Philosophie selbst erwählt sich der eine dies, der andere etwas anderes. Manche wollen Physiker sein, die als Mathematiker ganz ungebildet sind, und umgekehrt wollen andere Moralphilosophen sein, die keinerlei Kenntnis von den Dingen der Natur besitzen. Für Logiker, Rhetoren und Dichter wollen Leute gelten, die in den realen Wissenschaften völlig unerfahren sind. Wer weiß nicht, dass es so ist? Und wer bemerkt nicht, dass eine solche Auftei­lung von Künsten, Wissenschaften und Fähigkeiten auf mehrere der Voraussetzung entspringt, es sei unmöglich, dass von dem Geist eines Menschen alles bequem genug erfasst werde? Wahrlich, als ob Gott den Menschen als einen den Dingen so wenig entsprechenden Herrn der Dinge erschaffen hätte! Nicht, dass ich träumte, ein einziger Mensch könne sich auf allen Gebieten auszeichnen; aber dass alles zur Not wissen zu können, jedoch auch in seinem Fach sich auszuzeichnen, jedem nur mit mittelmäßiger Begabung Ausgestatteten sowohl möglich als auch notwendig ist, dessen bin ich gewiß.

12. Dass die Wissenschaften, wie sie allgemein gelehrt werden, den Bedürfnissen des gewöhnlichen Lebens nicht genügend angepasst sind, dafür haben wir bedeutende Zeugen. „Die Philosophie“, sagt ein berühmter Mann, „ist zum Schulbetrieb  herabgesunken, und es gibt niemanden, der sie dem allgemeinen Nutzen wieder zuführen würde. Denn sie starrt von Dornen und ist ganz mit dem Schürzen und Auflösen unlösbarer Knoten beschäftigt, die sie selbst geknüpft hat; sie reicht ein steinhartes Brot, das die Zähne bricht, und ermüdet den Geist durch spitzfindige Tändeleien.“ Und ein anderer sagt: „Das Studium der Philosophie ist derzeit nichts als eine beschäftigte und be­hinderte Muße, die zu wenig ausrichtet: Eichhörnchen werden in einen runden Käfig eingeschlossen, der im Kreis herumgedreht wird; dort überstürzen sie sich fortwährend, bewegen sich aber doch nicht vom Platz. Ebenso machen es wir, wenn wir philosophieren: wir lernen zu wenig dazu, und das mit vieler Mühe; und dies Wenige macht uns nicht besser, oft aber schlechter.“ Die Erfahrung beweist, dass diese Behauptung ganz richtig ist. Denn die Gebildeten zeichnen sich vor den Ungebildeten nicht nur durch das Streben nach Tugenden, welche die Grundlage des Verkehrs unter Bürgern sind, seltener aus, sondern werden von jenen in der geschickten Führung der Geschäfte meist übertroffen. Und ich spreche nicht nur von grammatischen Bildungsgrößen, denn sehr oft ist es um erha­bene Philosophen und Theologen so bestellt, dass sie sich mit ihren abstrakten Spekulationen als Adler vorkommen, in den Dingen aber, die dem Leben und der menschlichen Gesell­schaft dienen, Maulwürfe sind. So ist es zu dem spottendem Wort gekommen: »Ein guter Scholast, ein schlechter Politiker«, während doch die Schule ein Vorspiel des Lebens sein sollte.

 

29. Fort also mit allen schwankenden, nach dem Gefallen ausschweifender Geister bisher erdachten und fürderhin noch zu erdenkenden Methoden, damit man endlich einmal anfange, alle Dinge nach einer einheitlichen Ordnung der Dinge zu lehren. Und zwar lehren wir, dass man eine solche christliche Philosophie oder besser Pansophie suchen müsse, in der alles von unveränderlichen Prinzipien zur unveränderlichen Wahr­heit aufsteige und in dauernder Harmonie so verbunden sei, dass dieses Werk des Geistes so unzerstörbar sei wie der Bau der Welt selbst. So nämlich soll, wie die Gesamtheit der Dinge nicht nach unserem Gutdünken gelenkt wird, sondern nach ihren eigenen Gesetzen unverändert fortschreitet, auch ihr Spiegel, die Pansophie, nach einer Methode gelehrt werden, von der es kein Abweichen gibt, mag auch einer vor Lust, es anders zu machen, platzen. Diese Methode wird dann zustande kommen, wenn alles durch Hinweisungen mittels der Ursachen und nächstliegenden Wirkungen gelehrt wird. Dazu aber wird es unbedingt notwendig sein, dass man die Dinge nicht durch äußere Zeugnisse von den Dingen, d. h. Lehrmeinungen, sondern durch die Dinge selbst lehrt und lernt. Denn Autoritäten können die Dinge zwar beleuchten, aber auch schön auf­putzen, zumindest zerstreuen sie auf jeden Fall den Lernenden und lenken ihn von den Dingen auf sich ab. Die Dinge selbst aber können sich den Sinnen nicht anders einprägen, als wie sie sind. Wenn irgendwo ein Sinn versagt, muss die mit einer be­stimmten Norm versehene Vernunft in Anwendung kommen, damit es kein Irren gebe. Wo schließlich auch die Vernunft eine Lücke lässt, möge die göttliche Offenbarung zu Hilfe kommen. Diese drei Erkenntnisprinzipien müssen als Grundlagen der Pansophie aufgestellt werden, damit in Zukunft nicht alles was aus dem Munde oder aus der Feder eines Philo­sophen oder Theologen kommt, für ein Orakel angesehen werde, sondern wir die Brillen weglegen und die Dinge selbst anschauen und durch genaue Prüfung erforschen, was sie nach ihrer eige­nen Aussage sind oder nicht sind. Ist doch so manches auch von großen Männern recht oberflächlich erdacht worden, was aber Leute, die zu Menschen bewundernd aufblicken, ohne Unter­schied anzubeten pflegen. Es wäre leicht, dies an vielen Beispie­len zu zeigen, aber ich erspare mir das in der Hoffnung, dass nach Entzündung einer leuchtenderen Fackel für die Wahrheit zahllose derartige Fälle sich von selbst offenbaren werden.

32. Dass die Wissenschaften keine genügende Ausrüstung für die Tätigkeit im Leben vermitteln, ist die Schuld jener eingewurzelten Gewohnheit oder besser Krankheit der Schulen, durch die der Geist in den Jugendjahren mit grammatischen, rhetorischen und logischen Tändeleien ermüdet wird, während man die realen Dinge, die den Geist erleuchten und an Tätigkeit gewöhnen sollen, den Akademien [Universitäten] vorbehält, offenbar damit wir mit reiferem Urteil, den Dingen schon gewachsen, glücklichere Fortschritte machen. Es kommt aber in der Regel so, dass ein jeder, wenn die Hitze des Jugendalters verglüht, zu seiner Fakultät eilt und die Vorbereitungen schon vergessen hat. Ja es überspringen fast alle künftigen Theologen, Politiker und Ärzte sogar mit Wissen und Willen die metaphysischen, physischen und mathematischen Studien als unnütze Verzögerung für sie — ein schwerer Irrtum, da ein gefestigtes Urteil nur durch eine gefestigte Bildung erworben werden kann. Daher wird das Heilmittel darin bestehen, dass der Jugend das ganze Leben hindurch alles zur rechten Zeit vor Augen gestellt wird und ernste Übungen als Vorspiel des Ernstes eingeführt werden. Denn ein Schmied wird man nur durch Schmieden, ein Schrei­her nur durch Schreiben, ein Disputator durch Disputieren, und so müssen auch die Knaben Menschen werden, indem sie sich mit den menschlichen Angelegenheiten beschäftigen, damit ihnen im Leben gar nichts begegnen könne, wovon sie nicht schon vorher ein Bild gesehen und was sie in der Schule nicht schon vorgeübt hätten. Ja es wird sogar die ganze Philosophie so einzurichten sein, dass sie ein lebendiges Bild der Dinge und eine heimliche Einstellung der Seelen auf die Geschäfte des Lebens ist.

54. Wir verstehen es aber nicht so, dass in diesem Buch die verschiedenen Ansichten der Verfasser über die Dinge gesammelt werden sollen, wie es die tun, welche die Bildung nach Vielbelesenheit messen, um die verschiedenen Lehrmeinungen verschiedener Autoren vortragen oder auch sich dadurch einen Namen machen zu können, dass sie ein derartiges Flickwerk zusammenstoppeln und als Bücher veröffentlichen. Auch nicht in der einfältigen Weise, dass jene verschiedenen Meinungen miteinander verglichen werden, wie es die tun, die verschiedene Fragen pro und contra erörtern und sich abmühen, Meinungen, die ihnen nicht zusagen, zu verreißen, und damit Bände füllen. Sondern wir wollen, dass man bei der Abfassung eines pansophischen Werkes alle zulässt, die über Frömmigkeit, Sitten, Wissenschaften und Künste erklärend geschrieben haben, ohne Rücksicht darauf, ob einer Christ oder Mohamedaner, Jude oder Heide sei, und welcher Sekte auch immer er unter jenen angehört habe, ob er Pythagoreer, Akademiker, Peripatetiker, Stoiker, Essäer, Grieche, Römer, alt oder modern, Doktor oder Rabbi gewesen sei, jede Kirche, Synode und Vereinigung — dass man, sage ich, sie alle zulässt und anhört, was sie Gutes bringen.

55. Dies raten wir erstens, weil das, was wir erarbeiten, eine Schatzkammer der gesamten Weisheit ist, die das Menschengeschlecht gemeinsam besitzen soll. Es ist also recht und billig, dass alle begabten Köpfe, alle Völker, Sekten und Zeitalter hierzu beitragspflichtig sind. Zweitens sitzen wir hier alle, die wir in die Welt geschickt worden sind, im gemeinsamen Amphitheater der Weisheit Gottes, und uns Christen leuchtet in gleicher Weise das uns außerdem noch geschenkte Licht der göttlichen Offenbarung. Warum also sollte es nicht jedem, auch dem Geringsten, erlaubt sein, mit bescheiden ausgestreckter Hand und maßvoller Stimme die übrigen an all das Bemerkenswerte zu erinnern, das er zu sehen glaubt? Drittens ist es nicht wahrscheinlich, dass nur einem oder einigen wenigen in dem einen oder dem anderen Jahrhundert etwas zu sehen beschieden sei, allen übrigen aber nichts, sondern dass Gott so, wie kein Land alles hervorbringt, aber doch jedes etwas, und zwar auch in verschiedenen Jahren, den Geistern verschiedene Funken seines Lichtes in verschiedenen Völkern und Zeitaltern zukommen lässt. Der Wind weht, wohin er will, sagt Christus, wie er eine Rede über den Heiligen Geist und sein Wirken anhebt. Auch fehlt es nicht an Beispielen außerhalb des Bereiches der Kirche, dass der Geist der Weisheit bald diese, bald jene anzuhauchen pflegt [...].

 

Aus: Johann Amos Comenius: Vorspiele. Prodromus Pansophiae.

Vorläufer der Pansophie. Hg., übersetzt und erläutert von Herbert Hornstein.

Düsseldorf: Verlag Schwann 1963.